Ist die Abschaffung des muttersprachlichen Unterrichts Integration oder Assimilation?
| Adem Hüyük
Ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in Österreich, dass Menschen mit Migrationsgeschichte ihre Muttersprache vergessen – oder können sie Deutsch gut lernen und gleichzeitig ihre eigene Sprache und ihre kulturellen Bindungen bewahren?
Etwas anderes ist es, zu wollen, dass Kinder gut Deutsch lernen, als es für unnötig zu halten, dass sie ihre Muttersprache lernen oder bewahren. Wenn ein Kind Türkisch lernt, nimmt das seinen Deutschkenntnissen nichts weg. Die eigentliche Frage ist, in welchem Ausmaß Österreich von Menschen mit Migrationsgeschichte verlangt, Deutsch zu lernen, und ihnen gleichzeitig erlaubt, ihre eigenen Sprachen und ihre kulturelle Identität zu bewahren.
In Österreich ist der muttersprachliche Unterricht an Schulen ins Zentrum einer politischen Debatte gerückt. In der Diskussion, die insbesondere über den Türkischunterricht geführt wird, fordert die FPÖ das Ende des staatlich finanzierten Türkischunterrichts. Die ÖVP wiederum vertritt die Auffassung, dass das Angebot die Integration schwächen könnte, und verlangt vom Bildungsministerium Klarheit.
Im Mittelpunkt der Debatte stehen die gestiegene Zahl der Schulen, die höheren Kosten und fehlende Daten über die Staatsbürgerschaft der Schüler, die an diesen Kursen teilnehmen.
Muttersprachlicher Unterricht an 354 Schulen
Im Schuljahr 2025/26 wurde an 354 Pflichtschulstandorten in ganz Österreich muttersprachlicher Unterricht angeboten. Zwei Jahre zuvor waren es noch 298 Standorte.
Auch die öffentlichen Ausgaben für das Programm stiegen im selben Zeitraum von etwas mehr als 23 Millionen Euro auf 26,1 Millionen Euro.
Der muttersprachliche Unterricht soll Schüler dabei unterstützen, neben Deutsch auch jene weitere Sprache weiterzuentwickeln, die sie in der Familie, im Alltag oder als Muttersprache verwenden. Die Teilnahme ist freiwillig und unabhängig von der Staatsbürgerschaft möglich. Damit können auch Schüler mit österreichischem Pass am Türkischunterricht teilnehmen.
Zwei Millionen Euro in der Steiermark
Am stärksten verbreitet ist das Angebot in Wien. Laut FPÖ befinden sich mehr als 260 der 354 Standorte in der Bundeshauptstadt.
In der Steiermark wird muttersprachlicher Unterricht an 24 Schulen angeboten. Nach Angaben der Landes-ÖVP wurden allein im vergangenen Schuljahr rund zwei Millionen Euro dafür ausgegeben.
Der steirische ÖVP-Klubobmann Lukas Schnitzer kritisierte angesichts dieser Zahlen die Ausrichtung der Bildungspolitik. Öffentliche Mittel sollten seiner Ansicht nach vor allem für die Förderung der deutschen Sprache eingesetzt werden. Deutschkenntnisse seien die Grundlage für eine erfolgreiche Integration.
Fiedler: „Wer seine Muttersprache bevorzugt, soll in sein Heimatland zurückkehren“
Der FPÖ-Bildungssprecher in Niederösterreich, Helmut Fiedler, spricht sich gegen staatlich finanzierten muttersprachlichen Unterricht aus und argumentiert, dieser erschwere die Integration.
Auch die Teilnahme österreichischer Staatsbürger am Türkischunterricht kritisiert Fiedler. „Wer Österreicher ist, sollte maximal Deutsch-Nachhilfe erhalten“, sagte der FPÖ-Politiker.
Fiedler ging mit seiner Aussage noch weiter:
„Wer seine Muttersprache der deutschen Sprache vorzieht, soll in seine Heimat zurückkehren.“
Anmerkung der Redaktion: Diese Aussage trägt die Debatte über die Frage der staatlichen Finanzierung von muttersprachlichem Unterricht hinaus. Denn Fiedler stellt damit nicht nur die Bildungspolitik infrage, sondern auch die Stellung von Menschen mit Migrationsgeschichte in Österreich, die ihre Muttersprache bewahren.
Ministerium weiß nicht, wie viele Österreicher Türkischunterricht besuchen
Ein weiterer auffälliger Punkt der Debatte ist, dass nicht bekannt ist, wie viele der Schüler im Türkischunterricht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen.
Das Bildungsministerium teilte in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mit, dass die Staatsbürgerschaftsdaten der Schüler im muttersprachlichen Türkischunterricht zentral nicht zur Verfügung gestellt werden können.
Dies wurde zu einem wichtigen Kritikpunkt der FPÖ.
Welches Ziel hat der muttersprachliche Unterricht?
Nach Angaben des Bildungsministeriums besteht das Ziel des muttersprachlichen Unterrichts darin, die sprachlichen Kompetenzen der Schüler zu fördern und die bereits vorhandenen Sprachkenntnisse mehrsprachig aufwachsender Kinder zu unterstützen.
Der Unterricht ersetzt nicht den regulären Schulunterricht. Die Schüler nehmen freiwillig zusätzlich zum deutschsprachigen Unterricht daran teil.
ÖVP und FPÖ vertreten hingegen die Auffassung, dass öffentliche Mittel in erster Linie für das Erlernen der deutschen Sprache und die Integration eingesetzt werden sollten.
Neue politische Debatte über Türkischunterricht
Der seit Jahren bestehende muttersprachliche Unterricht in Österreich ist insbesondere durch den Türkischunterricht erneut zum Gegenstand einer politischen Auseinandersetzung geworden.
Auf der einen Seite steht die Auffassung, dass Mehrsprachigkeit zur sprachlichen und schulischen Entwicklung von Kindern beitragen kann. FPÖ und Teile der ÖVP fordern dagegen, öffentliche Mittel vorrangig auf das Erlernen der deutschen Sprache zu konzentrieren.
Mit einem Angebot an 354 Schulen und jährlichen Kosten von 26,1 Millionen Euro dürfte die Zukunft des muttersprachlichen Unterrichts im österreichischen Bildungssystem auch in den kommenden Monaten weiter politisch diskutiert werden.| ©DerVirgül