AK Parti’s Europa-Weites „Gesellschaftsakademie“ — Was bezweckt sie?
| Adem Hüyük
Die AK Parti führt seit vielen Jahren ihre Beziehungen zur türkischen Diaspora in Europa über die Union of International Democrats [UID]. Diese Struktur, die bei Wahlen in der Türkei eine hohe Mobilisierung erreichte, vermag bei Wahlen in europäischen Ländern nicht dieselbe Wirkung zu entfalten.
Im Schatten der Ironie „In der Türkei konservativ, im Wohnland Europa jedoch links“ hat die AK Parti in Europa eine neue Initiative mit dem Namen Internationale Gesellschaftsakademie [UTA] ins Leben gerufen. Doch was bezweckt dieser Schritt?
Seit 2012, mit der Einführung des Wahlrechts für im Ausland lebende Bürger, ist der politische Wettbewerb europäischer Staaten um in Europa ansässige Türken unausweichlich geworden. Die AK Parti wirkte in Europa lange über zwei zentrale Dynamiken: [feudale Bindungen] und [emotionale Verbundenheit zur Türkei].
Sowohl die UID-Strukturen als auch die Auslandsorganisationen der AK Parti verfolgten weniger politische Botschaften als vielmehr eine Strategie, die diese emotionale Bindung aktiviert.
Die langen Warteschlangen bei türkischen Wahlen zeigten, dass diese Politik damals Wirkung zeigte. Doch dieselbe Wählergruppe blieb im politischen Alltag ihres Wohnlands weitgehend inaktiv — sie ging selten zur Wahl, beteiligte sich nicht an lokalen Debatten und engagierte sich nicht, auch wenn sie die Staatsbürgerschaft erwarb.
Erfolg-Utopie: Türkei‑ und Österreich‑Wahlen als UID‑Erfolg
Im Fall Österreichs wurde die hohe Beteiligung bei türkischen Wahlen und das starke Abschneiden der AK Parti als organisatorischer Erfolg der UID Österreich präsentiert. Doch die Realität sieht anders aus.
Die UID Österreich ist eine kleine Struktur, die nur einen begrenzten Teil der türkischstämmigen Wähler in Österreich erreicht. Der AK Partei‑Wähler in Österreich hingegen ist bereits fest etabliert und mobilisiert sich zu Wahlen selbständig — ohne Erinnerungsschreiben der UID. Moscheen und Kulturvereine im Alltag bilden ein Netzwerk, das eine kontinuierliche politische Orientierung sichert und die Last von der UID nimmt.
Dass UID Österreich — im Vergleich zu UID-Strukturen in anderen Ländern — ihre Aktivitäten einschränkte, kaum neue Mitglieder gewann und kaum soziale Vereinsarbeit betrieb, gründet auf einem Selbstbewusstsein: „In Österreich wird die AK Parti ohnehin immer stärkste Partei“.
Doch bei der Wiener Landtagswahl am 27. April 2025 wurde deutlich, dass dieses Selbstwertgefühl nicht der Wirklichkeit entspricht. Der von der UID Wien unterstützte Kandidat verlor im Vergleich zur vorherigen Wahl etwa 2.100 Vorzugsstimmen; das Ergebnis zeigte klar, dass UID Österreich in Österreich keine strukturelle Macht aufgebaut hat.
Dennoch geht aus Gesprächen mit AK Parti-Vertretern in Ankara zwischen den Zeilen hervor, dass sie an den Erfolg der UID Österreich bei türkischen und österreichischen Wahlen glauben.
Wiener Wahlen: Der Bruch wurde sichtbar
Die „ Erfolg-Utopie“ wurde bei dieser Wiener Wahl besonders deutlich. In einer Stadt mit Zehntausenden türkeistämmigen Wählern lag die Beteiligung deutlich unter den Erwartungen. Es wurden drei türkische AK Parti‑Bürgermeister aus der Türkei eingeflogen, es gab Vereinsbesuche, Haustür‑Kampagnen — doch alles blieb wirkungslos: Die Mobilisierung der Diaspora durch die AK Parti war bei europäischen Wahlen ineffektiv.
Die einst starke Basis der Partei in Europa schweigt, wenn es um Politik in ihren Wohnländern geht. Die emotionale Bindung an die Türkei lässt sich nicht auf lokale politische Beteiligung in Österreich, Deutschland oder den Niederlanden übertragen.
Internationale Gesellschaftsakademie
Offizielle Darstellung: Führung, Repräsentation und Identitätsschutz
In der Vorstellung betont die Akademie, dass türkischstämmige junge Menschen in Europa in sozialem, kulturellem und politischem Leben sichtbarer werden sollen. Die Programme umfassen Themen wie Public Diplomacy, Medienkompetenz, Führung, aktive Bürgerschaft, sowie Kampf gegen Rassismus und Islamophobie.
Die Verantwortlichen argumentieren, dass junge Leute mit türkischem Hintergrund in Europa einerseits stärkere Repräsentation in ihren Wohnländern gewinnen, andererseits ihre Verbindung zur „Heimat“ Türkei aufrechterhalten können. Damit soll die „doppelte Zugehörigkeit“ der Diaspora institutionalisiert werden.
Fragezeichen: Wie zivil ist dieses Projekt wirklich?
Obwohl sich die Akademie als zivilgesellschaftliches Projekt präsentiert, deutet die Struktur darauf hin, dass ein vollständiger Verzicht auf politischen Einfluss kaum möglich ist. Bei Veranstaltungen treten Politiker, Regierungsvertreter, AK Parti-nahe Experten, Akademiker und Botschafter aus der Türkei als Redner auf — was nahelegt, dass es sich nicht nur um Jugendbildung handelt, sondern auch um die Übermittlung einer politisch eingefärbten Perspektive mit Zentrum Türkei.
Identitätsfokus: Integration oder Abgrenzung?
Inhaltlich liegt ein starker Fokus auf Identität und Zugehörigkeit. Meiner Ansicht nach könnte diese Betonung die seit langem geführte Debatte über „Integration vs. Identitätswahrung“ in Europa neu entfachen. Die Akademie bietet jungen Menschen möglicherweise kein pluralistisches, sondern ein enger definiertes Identitätsmodell — stark orientiert an der Türkei. Wie junge Menschen sich in der Gesellschaft ihres Wohnlandes engagieren sollen, bleibt dabei unklar. Vor allem besteht das Risiko, dass diese Identitätsrhetorik eine Sprache erzeugt, die die Diaspora von der Aufnahmegesellschaft entfremdet.
Die Tatsache, dass diejenigen, die in Europa junge Menschen politisch bilden, aus der Türkei kommen, wirft bereits ein Vorurteil auf: Warum soll politische Bildung für das Europäisch‑Türkische Leben aus Ankara gesteuert werden?
Dieser Ansatz wurde auch von Politikern in europäischen Ländern kritisch wahrgenommen. In einigen Staaten wird Kritik laut, dass die Politik der Türkei gegenüber der Diaspora eine „Importware der Innenpolitik“ darstelle.
Chance für Jugendliche — oder politischer Rahmen?
Zweifellos bietet das Programm jungen Menschen Möglichkeiten: soziale Fähigkeiten, Selbstbewusstsein, Repräsentationskompetenz und organisatorische Erfahrung. Besonders Themen wie Diskriminierung und Rassismusbekämpfung sind wichtig und verdienen Aufmerksamkeit.
Doch die Frage bleibt: Bietet die Ausbildung wirklich eine breite politische Bandbreite — oder lädt sie junge Menschen in einen vorgefertigten, engen politischen Rahmen ein? Betrachtet man Sprecher:innen, Inhalte und Themenwahl, erscheint die Akademie eher als einseitig orientiert.
Aus europäischer Perspektive: Die Folgen
Der Einfluss der Akademie auf die türkischstämmige Gemeinschaft in Europa wird sich im Laufe der Verbreitung und Etablierung zeigen. Ob sie Prozesse der Integration unterstützt — oder behindert —, wird sich erst mit der Zeit zeigen.
Zwischen Stärkung und Steuerung: Die feine Grenze
Die Internationale Gesellschaftsakademie könnte für junge Menschen eine neue Tür öffnen — mit Möglichkeiten zur Bildung, Teilhabe und Repräsentation. Doch ihre politische Ausrichtung, der starke Identitätsfokus und der Türkei‑Zentrierte Ansatz positionieren sie auf der feinen Grenze zwischen „gesellschaftlicher Stärkung“ und „politischer Steuerung“.
Deshalb bleibt die zentrale Frage vorerst offen: Ist die Akademie wirklich eine Plattform zur Stärkung der Diaspora‑Jugend — oder ein neues Instrument, sie stärker an die politische Achse der Türkei zu binden? | ©DerVirgül

