| Adem Hüyük Ein Ghetto entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen mit derselben Herkunft zusammenleben. Es entsteht dort, wo Begegnung zur Ausnahme wird, wo wirtschaftliche Chancen ungleich verteilt sind und wo sich das Gefühl verfestigt, die eigene Welt nicht mehr verlassen zu müssen. Das Wort Ghetto gehört zu den umstrittensten Begriffen der Stadtsoziologie. Für die einen beschreibt es räumliche Ausgrenzung, Armut und fehlende Teilhabe. Für die anderen ist es lediglich ein politisches Schlagwort, das bestimmte Stadtteile stigmatisiert. Doch wann wird ein Stadtviertel tatsächlich zu einem Ghetto? Reicht es aus, dass dort überwiegend Menschen mit Migrationsgeschichte leben? Oder müssen wirtschaftliche Benachteiligung, soziale Abschottung, mangelnde Aufstiegschancen und ein geringes Vertrauen in staatliche Institutionen hinzukommen? Gerade in Wien wird diese Frage seit Jahren am Beispiel des 10. Bezirks – Favoriten – diskutiert. Dabei ist räumliche Trennung kein neues Phänomen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bildeten die ehemaligen Befestigungsanlagen rund um den heutigen Gürtel eine sichtbare Grenze zwischen der bürgerlichen Innenstadt und den Vororten, in denen viele Arbeitsmigranten lebten. Damals war diese Trennung baulich. Heute verläuft sie eher entlang sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Linien. Favoriten ist heute einer der vielfältigsten Bezirke Wiens. Menschen aus Dutzenden Herkunftsländern leben hier, unterschiedlichste Sprachen prägen den Alltag. Gleichzeitig fällt auf, dass sich viele soziale Kontakte innerhalb der jeweiligen ethnischen Gemeinschaften bewegen. Für viele Neuankömmlinge schafft das Sicherheit. Zugleich erschwert es jedoch häufig den Aufbau gemeinsamer gesellschaftlicher Räume. Bereits vor einigen Jahren führten wir Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Bezirks. Viele erklärten, bewusst dort zu leben, weil Familie, Freunde, Moscheen, Vereine, Geschäfte und Dienstleistungen in ihrer Muttersprache erreichbar seien. Diese Nähe vermittelt Geborgenheit. Gleichzeitig kann sie aber dazu führen, dass der Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft begrenzt bleibt. Seit der Fluchtbewegung des Jahres 2015 hat sich die Bevölkerungsstruktur Favoritens erneut verändert. Neue Migrantengruppen haben ihre eigenen sozialen Netzwerke aufgebaut. Dadurch entstanden weitere parallele Lebenswelten – nicht nur innerhalb der türkischstämmigen Community, sondern auch zwischen unterschiedlichen Zuwanderungsgruppen. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Favoriten ein Ghetto ist. Die wichtigere Frage lautet: Welche Bedingungen führen dazu, dass Menschen ihre sozialen Beziehungen fast ausschließlich innerhalb der eigenen Gemeinschaft aufbauen? Sind es kulturelle Präferenzen? Wirtschaftliche Zwänge? Der Wohnungsmarkt? Oder fehlende Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe? Wer Favoriten ausschließlich als „Ghetto“ bezeichnet, vereinfacht eine komplexe Realität. Wer die vorhandenen Parallelgesellschaften hingegen vollständig leugnet, übersieht ebenso einen Teil der Wirklichkeit. Vielleicht sollte die Debatte deshalb weniger um Etiketten kreisen als um die Frage, wie eine Stadt Vielfalt fördern kann, ohne dass daraus dauerhafte soziale Trennlinien entstehen. | ©DerVirgül