Eine soziologische Bewertung der in Wien lebenden Personen türkischer Herkunft

Eine soziologische Bewertung der in Wien lebenden Personen türkischer Herkunft

| Adem Hüyük 

Unter den in Wien lebenden Personen türkischer Herkunft ist auffällig, dass das Essen außer Haus stark verbreitet ist.
Auf den ersten Blick mag dies wie eine gewöhnliche Konsumentscheidung wirken, bei näherer Betrachtung weist diese Praxis jedoch auf eine vielschichtige soziale Dynamik hin, die mit Identität, Sichtbarkeit und Sozialisierung verbunden ist.

In den frühen Phasen der Arbeitsmigration aus der Türkei nach Österreich gestaltete sich die Sozialisierung überwiegend über Vereine, den Moscheeverbund und Landsmannschaften. Mit der Zeit führten Generationenwechsel, Urbanisierung und Individualisierung zu einer Abschwächung dieser Einflussbereiche. Es entstand der Bedarf an neuen und flexibleren Treffpunkten. Restaurants wurden zu einem der sichtbarsten Orte, die diese Lücke füllten.

Heute sind Restaurants nicht nur Orte der Nahrungsaufnahme. Sie dienen zugleich als Bühne der öffentlichen Sichtbarkeit, als Schaufenster sozialer Stellung und als Raum, in dem kulturelle Zugehörigkeit reproduziert wird.
Über die Wahl des Ortes, Einladungen und Beiträge in sozialen Medien wird symbolisches Prestige erzeugt. In diesem Sinne werden Restaurants zu einem indirekten Ausdruck wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Position.

Ein wichtiger Aspekt dieser Praxis ist das Bedürfnis nach Selbstpräsentation und Bestätigung der eigenen Existenz.
Für Migrantengemeinschaften bedeutet Sichtbarkeit im öffentlichen Raum nicht nur etwas Individuelles, sondern hat auch kollektive Bedeutung. Präsenz an zentralen und belebten Orten und die soziale Positionierung durch Konsum werden häufig als symbolischer Ausdruck von „Wir sind auch hier“ verstanden.

Beteiligung von Frauen an der Erwerbstätigkeit
Die zunehmende Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt und die Verbreitung von Haushalten mit doppeltem Einkommen haben die Gewohnheit des Essens außer Haus sowohl wirtschaftlich als auch kulturell gestärkt. Zeitdruck und das Tempo des modernen Lebens verringern die häusliche Produktion und normalisieren die Restaurantkultur.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist das begrenzte Angebot an alternativen und kostenlosen Sozialisierungsräumen.
Während die traditionelle Vereinskultur für die junge Generation an Attraktivität verliert, machen die unzureichenden neutralen Treffpunkte für kulturelle Aktivitäten Restaurants zu einer praktischen Lösung. Gleichzeitig zeigt dies, dass Sozialisierung zunehmend kommerzialisiert wird; Zusammenkommen ist oft mit wirtschaftlichen Ausgaben verbunden.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Restaurantwahl der in Wien lebenden Personen türkischer Herkunft nicht nur gastronomisch, sondern auch ein Indikator für Identität, Psychologie und gesellschaftliche Stellung ist.
Restaurants erfüllen ein Bedürfnis und machen zugleich eine andere Lücke sichtbar.
Wer den öffentlichen Raum, das Streben nach Sichtbarkeit und die Spannungen der Zugehörigkeit dieser Migrantengemeinschaft klar verstehen möchte, sieht in Restaurants nicht nur Tische und Stühle; sie sind die stille Bühne einer sich wandelnden Identität.| ©DerVirgül

Yayınlama: 21.02.2026
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