Türken in Österreich werden weiterhin als „Dritte Welt“ klassifiziert

| Adem Hüyük
Globale Machtverschiebungen und das Bild der „Dritten Welt“
Seit Beginn des Jahrhunderts erlebt die Weltordnung tiefgreifende Umbrüche. Die Entwicklung von Kommunikation und Mobilität hat dazu geführt, dass Staaten nicht nur ihre Innenpolitik, sondern auch ihre internationale Position aktiv gestalten müssen. Um Wohlstand zu steigern, Ansehen zu gewinnen und in der globalen Konkurrenz bestehen zu können, investieren Regierungen stärker denn je in Außenpolitik.
Die im Kalten Krieg entstandene Einteilung in Erste, Zweite und Dritte Welt ist im kollektiven Bewusstsein nach wie vor präsent. Diese Unterscheidung beruhte weniger auf ökonomischer Leistungsfähigkeit als vielmehr auf politischer Positionierung: Länder, die an der Seite der USA standen, galten als „Erste Welt“, jene im Einflussbereich der Sowjetunion als „Zweite Welt“, und die zwischen den Blöcken stehenden, ökonomisch schwächeren Staaten wurden als „Dritte Welt“ etikettiert. Auch wenn diese Klassifizierung offiziell längst obsolet ist, wirken ihre geistigen und soziologischen Folgen bis heute fort.
Die Türkei steht aufgrund ihrer NATO-Mitgliedschaft und engen Beziehungen zum Westen auf der „westlichen Seite“, konnte jedoch aufgrund wirtschaftlicher Schwächen und struktureller Probleme nie den vollen Status einer „Ersten Welt“-Nation erreichen. Eine begrenzte Produktionskapazität, starke Abhängigkeit vom Ausland und eine deformierte kapitalistische Struktur – geprägt von Steuerlast und Importabhängigkeit – verhindern, dass die Bevölkerung von den revolutionären Reformen seit 1923 unmittelbar profitieren konnte. Ein Vergleich mit einem Land wie Österreich, das die industrielle Revolution erfolgreich abgeschlossen hat, ist daher wissenschaftlich unhaltbar.
Historische Perspektive: Industrielle Revolution und Arbeiterklasse
Die industrielle Revolution setzt kapitalistische Produktionsverhältnisse und eine breite Arbeiterschaft voraus. Fabriken, Massenproduktion und die Aufspaltung der Arbeit (Manufaktur) sind ihre Grundpfeiler.
Zur Zeit des türkischen Unabhängigkeitskrieges existierte in der Türkei jedoch keine zahlenmäßig relevante Arbeiterklasse. Die Wirtschaft war überwiegend agrarisch geprägt, getragen von Handwerkern und Kleinhändlern. Nur die Arbeiter in den Istanbuler Gerbereien hätten objektiv an einem Klassenwandel teilnehmen können – ihnen fehlten jedoch sowohl das Klassenbewusstsein als auch die demografische und ökonomische Stärke, um gesellschaftliche Kräfteverhältnisse grundlegend zu verändern.
Die politischen und sozialen Reformen jener Zeit konnten daher keine industrielle Transformation einleiten. Das Osmanische Reich hatte keine sozioökonomische Grundlage hinterlassen, auf der eine kapitalistische Industriegesellschaft hätte entstehen können. Dieses historische Defizit bildet die Basis der heutigen deformierten Kapitalstruktur der Türkei.
Österreich hingegen erlebte die industrielle Revolution mit sichtbaren und nachhaltigen Veränderungen. Nach den Revolutionen von 1848 musste selbst die Habsburger Monarchie die soziale Absicherung von Arbeitern anerkennen – ein fundamentaler Unterschied zur Türkei.
Heutige offizielle Klassifizierungen: Das Beispiel Österreich
In den offiziellen Statistiken der Statistik Austria und des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) werden türkische Staatsbürger systematisch in der Kategorie „aus der Dritten Welt“ geführt.
Dies ist nicht nur ein bürokratisches Detail, sondern Ausdruck dafür, dass der Westen die Türkei bis heute nicht als gleichwertigen Partner, sondern als „schwach entwickeltes“ Land betrachtet.
Bemerkenswert ist, dass weder Österreich noch die Türkei diesem Befund ernsthaft widersprechen. Während die Türkei sich selbst gerne als Teil des Westens inszeniert, bleibt sie gegenüber solchen Klassifizierungen still. Österreich wiederum hinterfragt seine eigene Kategorisierung nicht. Damit entsteht eine stille Akzeptanz – ein Konsens des Schweigens.
Nicht-EU-Bürger: Die entwertete Arbeit der „Dritten Welt“
In Österreich werden Personen ohne EU-Bürgerschaft weiterhin der Kategorie „Dritte Welt“ zugeordnet. Dies ist weit mehr als eine statistische Etikette: Es bedeutet, dass die Arbeit von Menschen aus Drittstaaten, die unter Bedingungen der Ersten Welt leisten, schlicht unsichtbar gemacht wird.
Im Alltag spüren besonders Menschen türkischer Herkunft diese Einstufung unmittelbar in Bildung, Arbeitsmarkt und Integration. Ganz gleich, wie gut sie ausgebildet sind oder wie erfolgreich sie sich integriert haben – die offiziellen Daten definieren sie weiterhin als „zurückgeblieben“. Dies wirkt wie ein unsichtbarer, aber stetig arbeitender Mechanismus der Diskriminierung und legt die inneren Widersprüche der europäischen Datenpolitik offen.
Straße und Alltag: Wie die industrielle Revolution wahrgenommen wurde
Besonders türkische und türkischstämmige Studierende in Wien stellen mir immer wieder dieselbe Frage: Wie äußerte sich die industrielle Revolution praktisch im Alltag?
Denn während in der Theorie von einer „Revolution“ gesprochen wird, bleibt oft unbeachtet, wie sie das Leben der einfachen Menschen tatsächlich veränderte.
Während meiner Tätigkeit an der Technischen Universität Wien, wo ich als Vorarbeiter in Laborprojekten tätig war, erlebte ich diese Fragen hautnah. Viele Studierende hielten mich, aufgrund meines Spitznamens „Hoca“, für einen Lehrenden und baten mich um Antworten. Doch ihre Fragen zielten nicht auf Hegels Dialektik, Marx’ Materialismus oder Freuds Psychoanalyse, sondern auf die banale Realität: Wie haben die Österreicher durch ihre alltäglichen Gewohnheiten die industrielle Revolution geformt – und umgekehrt?
Die Antwort lag oft schon in den Fragen selbst: Sie suchten nach den sichtbaren Spuren einer Revolution, die längst in den Lebensstil eingewoben war.
Widerspruch und gesellschaftliche Folgen
Dass österreichische Institutionen Menschen türkischer Herkunft noch immer der „Dritten Welt“ zuordnen, ist mehr als Statistik – es prägt das gesellschaftliche Selbstverständnis und erschwert Integration.
Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Wahrnehmung in Österreich und dem türkischen Selbstbild erzeugt eine gefährliche Spannung. Während die Türkei sich global als starke Macht präsentiert, werden ihre Bürger in Österreich weiterhin als „Dritte Welt“ verzeichnet. Dieses Spannungsfeld erzeugt nicht nur Verunsicherung, sondern kann auch das Vertrauen in die Aufnahmegesellschaft untergraben und Feindseligkeiten verstärken.
Die eigentliche Verwirrung entspringt der Widersprüchlichkeit zweier Staaten: Während Österreich offiziell abwertet, stilisiert die Türkei sich selbst zur globalen Kraft. Die Leidtragenden sind die Menschen dazwischen – deren Körper und Geist den widersprüchlichen Diskursen ausgesetzt sind.| ©DerVigül