Türkischstämmige Menschen und Deutschlernen in Österreich: Eine Analyse

Türkischstämmige Menschen und Deutschlernen in Österreich: Eine Analyse

| Adem Hüyük

Die türkischstämmige Gemeinschaft bildet in Österreich einen bedeutenden Teil der Bevölkerung. Dennoch ist ihr Bedarf, Deutsch zu lernen, im Vergleich zu anderen Migrantengruppen relativ gering – ein Umstand, der auf historische, soziale und wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen ist.

Historischer Hintergrund
In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen türkische Arbeitskräfte nach Österreich, vor allem in Bau, Industrie und Dienstleistung. Mit der Familienzusammenführung zogen im Laufe der Zeit auch die Angehörigen nach, sodass sich stabile türkische Gemeinschaften bilden konnten.

Faktoren, die den Deutschlern-Bedarf beeinflussen

  • Starke türkischsprachige Netzwerke
    In großen Städten leben viele Türkischstämmige in eigenen Vierteln, wodurch der Alltag problemlos auf Türkisch gestaltet werden kann.
  • Religiöse und kulturelle Strukturen
    Türkische Moscheen, Vereine und religiöse Gemeinschaften organisieren das soziale und kulturelle Leben. Mitglieder interagieren häufig ausschließlich auf Türkisch, was den Bedarf an Deutschkenntnissen reduziert.
  • Lokale Vereine und politische Zugehörigkeit
    Heimatvereine und politisch orientierte Gruppen strukturieren das Gemeinschaftsleben. Wer aktiv daran teilnimmt, hat weniger Gelegenheit, Deutsch zu üben.
  • Wirtschaftliche Faktoren
    Viele finden Arbeit innerhalb der türkischen Gemeinschaft, was die Notwendigkeit verringert, Deutsch zu lernen.
  • Familien- und kulturelle Bindungen
    Zuhause wird Türkisch gesprochen, kulturelle Aktivitäten erfolgen ebenfalls auf Türkisch. Dies stärkt die türkische Sprache gegenüber Deutsch.
  • Mangelnde soziale Integration
    Da die Mehrheit der sozialen Interaktionen innerhalb der eigenen Gemeinschaft stattfindet, ist die tägliche Nutzung von Deutsch eingeschränkt.

Akademische Perspektive und Paradoxon
Forschungen der Universität Wien bestätigen, dass der Deutschlern-Bedarf besonders in Wien und anderen Großstädten minimal ist. Migrantinnen und Migranten können ihre alltäglichen Bedürfnisse weitgehend auf Türkisch erfüllen, was die Präsenz türkischsprachiger Personen in sozialen, wirtschaftlichen und bürokratischen Bereichen erhöht – ein scheinbares Paradoxon, das weitere Forschung erfordert.

Deutschlernen für Muttersprachlerinnen und -sprachler
Ahmet Özbek, langjähriger Deutschlehrer in Wien, Baden und Wiener Neustadt, erklärt:
„In der Türkei verwenden Menschen durchschnittlich 300–400 Wörter pro Tag. In Österreich ist der tägliche Kommunikationsbedarf etwa viermal so hoch. Wer aus ländlichen Regionen kommt und wenig Türkischkenntnisse hat, stößt beim Deutschlernen schnell an Grenzen. Wer die türkische Sprache gut beherrscht, lernt Deutsch deutlich schneller und erweitert kontinuierlich seinen Wortschatz.“

Besonders für Zuwandernde nach dem 18. Lebensjahr – etwa durch Ehe, Studium oder Familienzusammenführung – ist Deutschlernen eine große Herausforderung. Die zuvor hier lebenden Gemeinschaften haben ein soziales ‚Ghetto‘ geschaffen, in dem das Leben auf Türkisch möglich ist, wodurch der Deutschlern-Bedarf weiter sinkt.

Geringe Erwerbstätigkeit türkischstämmiger Frauen
Trotz gestiegenem Bildungsniveau bleibt die Erwerbstätigkeit türkischstämmiger Frauen niedrig. Barbara Stewart, Co-Leiterin der Informationsabteilung des Österreichischen Integrationsfonds [ÖIF], berichtet:
„Mehr als 50 % der Frauen besitzen nur einen Pflichtschulabschluss.“

Mit einer Erwerbstätigkeit von 56 % liegen türkischstämmige Frauen auf dem zweittiefsten Niveau nach Herkunftsnation. Besonders niedrig ist die Erwerbstätigkeit bei Frauen aus Syrien, Afghanistan und Irak – Gruppen, die erst kürzlich nach Österreich gekommen sind. Viele türkischstämmige Frauen leben hingegen schon lange im Land oder sind hier geboren.

Die niedrige Erwerbstätigkeit wird unter anderem auf die starke soziale Infrastruktur innerhalb der Gemeinschaft zurückgeführt:
„In der eigenen Gemeinschaft ist Deutsch oft nicht notwendig.“

Dennoch belastet dies vor allem ältere Frauen. In den letzten Jahren steigt die Zahl jener, die Förderungen des Integrationsfonds beantragen.

Fazit
Die dichten türkischsprachigen Netzwerke und die starke Gemeinschaftsbindung halten den Bedarf, Deutsch zu lernen, niedrig. Gleichzeitig wirkt sich dies strukturell auf die Erwerbstätigkeit türkischstämmiger Frauen aus, die dadurch eingeschränkt ist.| ©DerVirgül

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