„Aus dir wird kein Intellektueller“ – Geschichte und İlber Ortaylı
| Adem Hüyük
In den sozialen Medien kursiert seit Jahren eine Geschichte, die oft wie eine Anekdote erzählt wird. In manchen Beiträgen wird diese Erzählung dem Historiker İlber Ortaylı zugeschrieben, in anderen der Schriftsteller Oğuz Atay in seinem Buch „Bir Bilim Adamının Romanı“ seinem Lehrer Prof. Dr. Mustafa İnan. Bei genauerer Betrachtung lässt sich jedoch keine direkte Quelle finden, die belegt, dass diese Worte tatsächlich von den genannten Personen geäußert wurden.
Mit anderen Worten: Die heute häufig geteilte Geschichte „Aus dir wird kein Intellektueller“ ist weitgehend anonym überliefert. Dennoch ist die Diskussion, auf die diese Geschichte hinweist, keineswegs neu. Intellektualität wurde in der Geistesgeschichte nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Denkweisen und Verhaltensmustern in Verbindung gebracht.
In Wien traf ich viele Menschen, die sich als Universitätsstudenten vorstellten, und einer der ersten Sätze, die ich oft hörte, war: „Ich bin Intellektueller.“ Doch als ich anfing, über Intellektualität nachzudenken, wurde mir klar, dass dieses Konzept kein Titel ist, den man einfach so beanspruchen kann.
Als ich versuchte, deutsche Philosophen mit Hilfe eines Türkisch-Deutsch-Wörterbuchs zu lesen, brauchte ich Monate allein, um Hegels Dialektik zu verstehen. Später, als ich die Dialoge von Sokrates und die sokratische Methode zu verstehen versuchte, stieß ich auf eine Gedankenkonstruktion, die ich zunächst nicht erwartet hatte. Dieser Prozess zeigte mir, dass es nicht nur um Wissenserwerb geht, sondern darum, wie Neugier und kritisches Hinterfragen den Menschen transformieren können.
In der Philosophie ist Dialektik nicht nur eine Denkmethode; sie ist ein Weg, die Welt zu verstehen.
Sokrates stellte Fragen, um Menschen dazu zu bringen, ihre als richtig angenommenen Überzeugungen zu hinterfragen und die Konzepte zu durchdringen. Diese Methode klärt das Denken.
Hegel hingegen betrachtet die Dialektik in einem umfassenderen System. Für ihn schreitet Geschichte und Denken durch den Konflikt von Gegensätzen voran. Ein Gedanke entsteht, trifft auf sein Gegenteil, und diese Spannung führt zur Entstehung einer neuen Stufe.
Karl Marx wiederum überträgt die dialektische Methode aus der Gedankenwelt in die gesellschaftliche Realität. Für ihn werden historische Veränderungen nicht durch Ideen, sondern durch Produktionsverhältnisse und Klassengegensätze bestimmt.
Zwischen diesen drei Denkern gibt es auf den ersten Blick große Unterschiede, doch tatsächlich existiert eine unsichtbare Kontinuität. Denken, das mit Hinterfragen beginnt, gewinnt eine systematische Bewegung und reicht schließlich bis zur Analyse gesellschaftlicher Veränderungen.
Vielleicht ist das der Grund, warum es mir immer seltsam vorkam, wenn jemand von sich selbst sagt: „Ich bin Intellektueller.“ Denn Intellektualität ist kein Titel, sondern das Ergebnis eines langen Lern- und Hinterfragungsprozesses.
Der wahre Intellektuelle ist nicht derjenige, der sich selbst erklärt. Es ist derjenige, der kontinuierlich Fragen stellt, sein Wissen hinterfragt und weiter lernt.
Die in den sozialen Medien kursierende Geschichte „Aus dir wird kein Intellektueller“ greift genau diesen Punkt auf.
Der Geschichte zufolge sagt ein Student zu seinem Universitätsprofessor: „Ich möchte Intellektueller werden.“ Der Professor antwortet: „Aus dir wird kein Intellektueller.“ Der Student ärgert sich über diese Worte, verteidigt sich und erzählt, wie viel er gelesen hat.
Der Professor lächelt und erwidert:
„Du hast mich nicht wie ein Intellektueller gefragt: ‚Warum nicht?‘ Du hast dich wie ein Bauer geärgert und empört reagiert.“
In der Fortsetzung erklärt der Professor, dass Intellektualität nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Denkweise und kulturellem Verhalten zu tun hat. Diese Erzählung wird manchmal als „Manifest der Intellektualität“ interpretiert.
Ein wichtiger Punkt ist jedoch: Intellektualität lässt sich nicht auf eine bestimmte soziale Klasse, familiären Hintergrund oder akademische Titel reduzieren.
In der Zeit der antiken griechischen Philosophen Sokrates und Platon gab es keine Universitäten im heutigen Sinne. Dennoch gehören sie zu den einflussreichsten Philosophen der Geistesgeschichte.
Deshalb ist Intellektualität keine Eigenschaft, die auf Diplome oder akademische Titel beschränkt ist. Neugier, kritisches Hinterfragen, analytisches Denken und ein offener Geist bilden die Grundlage intellektueller Entwicklung.
Intellektuelle beschäftigen sich oft nicht nur mit ihrem eigenen Fachgebiet. Sie denken über Kunst, Literatur, Geschichte, Wissenschaft und Gesellschaft nach und versuchen, die Welt zu verstehen.
Schließlich ist Intellektualität keine deklarierte Identität, sondern eine kontinuierliche Denkpraxis. Nur wer weiter lernt, bleibt intellektuell.
Vielleicht ist das der Grund, warum wahre Intellektuelle am wenigsten bereit sind, sich selbst als „Intellektuelle“ zu bezeichnen. | ©DerVirgül