Die Stadt Wien gibt Millionen für Medien aus – doch für türkischsprachige Medien bleibt die Tür zu

Die Stadt Wien gibt Millionen für Medien aus – doch für türkischsprachige Medien bleibt die Tür zu

| Adem Hüyük 

Auf der Medienförderliste der Stadt Wien stehen mittlerweile 334 Projekte. Einige Organisationen erhielten mehrfach Förderungen, während die konkreten Beträge einzelner Projekte häufig nicht veröffentlicht werden.

Gefördert werden unter anderem Farsi-Angebote, queere Projekte, Klimainhalte und Medienprojekte für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Doch ausgerechnet bei türkischsprachigen migrantischen Medien stellt sich weiterhin die Frage, in welchem Ausmaß sie von diesen Förderprogrammen tatsächlich profitieren.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) baut die Medienförderung weiter aus. Für die kommenden Jahre stehen rund sechs Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Ludwig begründet den Ausbau mit Medienvielfalt, dem Zugang zu hochwertigen Informationen und dem Kampf gegen Desinformation.

Doch eine einfache Frage bleibt:

Wo bleibt die türkischsprachige Medienvielfalt?

Förderung für türkischsprachige Angebote – aber nicht für türkische Medien

In Boulevardmedien und insbesondere im rechtspopulistischen politischen Diskurs gehören Menschen türkischer Herkunft zu den sichtbarsten migrantischen Gruppen. Trotzdem erhalten türkischsprachige Medien, die seit Jahren in Österreich journalistisch arbeiten, offenbar nicht annähernd jene Aufmerksamkeit und Unterstützung, die andere Medienprojekte für migrantische Communities erhalten.

Dabei wurde die Produktion türkischsprachiger Inhalte durchaus mit öffentlichen Mitteln gefördert – allerdings vor allem über bereits etablierte österreichische Medienhäuser.

So veröffentlichte die österreichische Tageszeitung KURIER ab 2021 unter dem Titel „Mehr Platz“ zwei Jahre lang türkischsprachige Nachrichten. Dafür erhielt das Projekt vom Bund eine Förderung von 200.000 Euro. Das Angebot wurde später eingestellt.

Auch die Stadt Wien unterstützte 2021 das Projekt „ZackZack Türkisch – Unsere Türken für unsere Türken“.

Hinter dem Projekt stand das Online-Medium ZackZack des ehemaligen Grünen-Politikers Peter Pilz.

Die Wirtschaftsagentur Wien begründete das Projekt unter anderem mit den rund 450.000 Menschen türkischer Herkunft in Österreich. In der Projektbeschreibung wurde darauf verwiesen, dass viele Menschen aufgrund sprachlicher Defizite auf türkischsprachige Medien angewiesen seien, die vielfach unter dem Einfluss der türkischen Regierung stünden.

ZackZack wollte eine Alternative schaffen.

Geplant war eine türkischsprachige Plattform, die von Journalisten aus der österreichisch-türkischen Community produziert werden und sowohl die österreichische als auch die türkische Politik kritisch begleiten sollte.

Dafür erhielt ZackZack von der Stadt Wien 100.000 Euro. Die Wirtschaftsagentur Wien bestätigte diese Summe gegenüber der Zeitung Die Presse.

Damit wurden 100.000 Euro öffentliche Mittel für ein türkischsprachiges Medienprojekt bereitgestellt, das sich an die türkischstämmige Bevölkerung richtete – allerdings nicht an ein unabhängiges türkischsprachiges Medium aus dieser Community.

ZackZack Türkiye ging im November 2022 online. Texte und Videos sollten auf Deutsch und Türkisch veröffentlicht werden.

Heute fällt jedoch etwas anderes auf: Auf der weiterhin erreichbaren Seite „ZackZack Türkiye“ ist der jüngste sichtbare Beitrag vom 13. Juni 2023.

Das öffentlich geförderte türkischsprachige Medienprojekt war damit offenbar nicht von langer Dauer.

Wenn die Förderung fehlt, übernehmen Händler die Rolle der Journalisten

Heute gibt es in Österreich nur noch eine Handvoll Zeitungen und Journalisten, die kontinuierlich auf Türkisch berichten, Inhalte produzieren und sich gleichzeitig darum bemühen, türkischsprachige Menschen stärker in die österreichische Gesellschaft einzubinden.

Viele dieser Journalisten verfügen jedoch nicht über ausreichende und verlässliche Werbeeinnahmen. Einige müssen neben ihrer journalistischen Tätigkeit in anderen Berufen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Über Jahre waren es Bundes- und Landesbehörden, politische Parteien, Gewerkschaften, Arbeiterkammern, Wirtschaftskammern und Gemeinden, die über Inserate einen wichtigen Teil der Finanzierung von Medien ermöglichten.

Türkischsprachige Journalisten wurden dabei jedoch häufig von den persönlichen Entscheidungen einzelner Mitarbeiter mit türkischem Hintergrund innerhalb dieser Institutionen abhängig.

Anstelle einer transparenten und institutionellen Medienpolitik entstand dadurch teilweise ein System, in dem persönliche Vorlieben darüber entscheiden konnten, wer Zugang zu Inseraten und damit zu einer wichtigen Einnahmequelle erhielt.

Noch problematischer wird es, wenn Journalisten, die von politischen Parteien Anzeigen erhalten möchten, auf die persönlichen Wünsche türkischstämmiger Politiker innerhalb dieser Parteien Rücksicht nehmen müssen.

Das Ergebnis ist absehbar:

Unabhängigen türkischsprachigen Journalismus zu betreiben, wird immer schwieriger.

Wenn gleichzeitig keine wirtschaftliche und institutionelle Grundlage geschaffen wird, um eine neue Generation von Journalisten auszubilden, füllen soziale Medien, Facebook-Gruppen und selbsternannte „Nachrichtenmacher“ zunehmend die entstandene Lücke.

Heute können viele Menschen türkischer Herkunft in Österreich kaum noch zwischen einem professionellen Journalisten, einem Social-Media-Influencer und jemandem unterscheiden, der lediglich Nachrichten in sozialen Netzwerken weiterverbreitet.

Jeder, der Nachrichten veröffentlicht, wird zum „Journalisten“, jede Facebook-Seite zum „Medium“.

Das ist nicht nur ein Problem für den Journalismus. Es ist auch ein Problem für den Zugang zu verlässlichen Informationen innerhalb der türkischsprachigen Community.

Medien in der Muttersprache sind kein Luxus

Für eine migrantische Gesellschaft ist eine Zeitung in der eigenen Sprache nicht lediglich eine Nachrichtenquelle. Sie bewahrt das Gedächtnis einer Gemeinschaft, stärkt ihre Zugehörigkeit und schafft eine Verbindung zwischen der migrantischen Bevölkerung und dem Land, in dem sie lebt.

Türkischsprachige Medien können österreichische Gesetze, Wahlen, das Bildungssystem, soziale Rechte und den Alltag in einer Sprache erklären, die ein großer Teil der Community versteht. Damit können sie sogar einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe leisten.

Ein türkischsprachiges Medium sorgt außerdem dafür, dass Migrantinnen und Migranten nicht nur eine Gruppe sind, über die berichtet wird, sondern eine gesellschaftliche Gruppe, die ihre eigenen Probleme, Interessen und Forderungen formulieren kann.

Wo verlässlicher Journalismus in der Muttersprache fehlt, suchen Menschen Informationen zunehmend in sozialen Netzwerken, WhatsApp-Gruppen oder auf Internetseiten mit unklarer Quellenlage.

Gerade deshalb ist qualitativ hochwertiger türkischsprachiger Journalismus wichtig.

Medien in der Muttersprache sind kein Gegenmodell zur Integration – sie können ein Instrument der Integration sein.

Wer die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes, in dem er lebt, in seiner eigenen Sprache verstehen, diskutieren und kritisch hinterfragen kann, kann sich auch stärker an dessen gesellschaftlichem Leben beteiligen.

Die Stadt Wien spricht von Medienvielfalt, Qualitätsjournalismus und dem Kampf gegen Desinformation.

Doch wenn Millionen Euro für Medienförderung zur Verfügung stehen, stellt sich eine unangenehme Frage:

Wo bleibt die türkischsprachige Medienvielfalt?

Farsi-Angebote, queere Projekte, Klimainitiativen und Medienprojekte für verschiedene Communities können Förderungen erhalten. Große österreichische Medienhäuser bekommen öffentliche Unterstützung für türkischsprachige Angebote.

Doch kleine, unabhängige türkischsprachige Medien, die seit Jahrzehnten in Österreich arbeiten und versuchen, mit eigenen Mitteln journalistische Strukturen aufrechtzuerhalten, bleiben weitgehend unsichtbar.

Das ist längst mehr als eine Frage einzelner Förderungen.

Es ist eine Frage darüber, wer überhaupt als Teil der viel beschworenen „Medienvielfalt“ wahrgenommen wird.

Und aus Sicht der türkischsprachigen Medien lautet die ernüchternde Antwort bislang:

Offenbar noch immer nicht alle. | ©DerVirgül

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