Vom Kopftuch zum „politischen Islam“: Wie wird ein Deutungsrahmen geschaffen?
| DerVirgül
In Österreich ist mit Beginn des neuen Schuljahres das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren in Kraft getreten.
Doch bemerkenswert ist nicht nur das Verbot selbst. Bemerkenswert ist auch, wie darüber berichtet wird.
In manchen Medien werden das Kopftuchverbot, die hohen Anteile von Kindern ohne Deutsch als Erstsprache in bestimmten Bezirken, Integrationsprobleme und die Debatte über den „politischen Islam“ innerhalb derselben Berichterstattung miteinander verbunden.
So werden unterschiedliche Themen zu Teilen ein und derselben Erzählung:
Migration → Deutschprobleme → Integration → Kopftuch → politischer Islam → Verbote.
Damit lautet die Frage nicht mehr nur:
„Soll das Kopftuch verboten werden?“
Die eigentliche Frage ist vielmehr:
Welche Themen rund um Musliminnen und Muslime werden in Österreich sichtbar gemacht – und warum gerade diese?
Das Kopftuch eines Mädchens wird zur Nachricht. Fehlende Deutschkenntnisse an Schulen werden zur Nachricht. Der „politische Islam“ wird zur Nachricht. Muslimische Vereine, Moscheen und islamische Organisationen geraten immer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Doch sind der ganz normale Alltag von Musliminnen und Muslimen in Österreich, ihre Bildungserfolge, ihre wirtschaftlichen Beiträge, ihre sozialen Aktivitäten, ihr kulturelles Engagement oder ihre alltäglichen Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft genauso sichtbar?
Genau hier beginnt die eigentliche Medienfrage.
Denn es geht nicht nur darum, welche Nachrichten veröffentlicht werden, sondern auch darum, welche Nachrichten ständig miteinander verknüpft werden.
Wenn Kopftuch und „politischer Islam“, Migration und Integrationsprobleme oder muslimische Organisationen und Sicherheitsfragen immer wieder im selben Deutungsrahmen präsentiert werden, entsteht beim Publikum mit der Zeit eine scheinbar selbstverständliche Verbindung zwischen diesen Themen.
Damit berichtet die Medienberichterstattung nicht mehr nur über ein Problem.
Sie definiert zunehmend auch, was überhaupt als Problem wahrgenommen werden soll.
Das Kopftuchverbot beginnt heute mit dem Argument des „Schutzes von Kindern“. Danach wird die Debatte mit dem „politischen Islam“ verbunden. Regierungsvertreter sprechen bereits von weiteren möglichen Verboten. Selbst die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) gerät dabei in den Blick.
Deshalb muss man die Frage stellen:
Geht es hier tatsächlich nur um das Kopftuch eines Kindes – oder erleben wir gerade einen Teil eines größeren politischen Projekts, in dem die Stellung von Musliminnen und Muslimen in Österreich neu definiert werden soll?
Und vielleicht ist die wichtigste Frage überhaupt:
Wer entscheidet darüber, welche Nachrichten ständig auf die Titelseiten gelangen – und welche in der Stille verschwinden?
Denn manchmal zeigt Medienberichterstattung nicht einfach nur die Realität.
Sie entscheidet auch darüber, welchen Teil der Realität wir überhaupt zu sehen bekommen.| ©DerVirgül
