Kein Ausländerproblem! Es gibt nur Probleme der Ausländer!
Fast immer, wenn in Österreich über Migranten gesprochen wird, stehen Probleme im Vordergrund. Migranten werden als Hauptverantwortliche dargestellt, während ihre positiven Beiträge – wie die der Gastarbeiter, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft am Laufen hielten – kaum Erwähnung finden.
Bei Migranten türkischer Herkunft sieht die Situation besonders paradox aus. Wir stehen im Spannungsfeld zwischen den politischen Erwartungen des Herkunfts- und des Wohnsitzlandes. Politiker aus Ankara oder entsandte Diplomaten loben in ihren Reden regelmäßig den Beitrag der türkischen Gemeinschaft zu Österreich. Gleichzeitig zeigt die österreichische Politik uns, die Steuer zahlenden und arbeitenden Menschen, in Wahlkampagnen als vorbildlich.
Beide Perspektiven sind pragmatische Instrumente der Diplomatie und Innenpolitik – sie betrachten die Realität nur oberflächlich. Das Ergebnis: Migranten werden falsch eingeschätzt und beginnen, sich selbst als „Problem“ zu sehen.
Soziologisch betrachtet ist Österreich das EU-Land, in dem Migranten türkischer Herkunft am stärksten benachteiligt sind. Besonders im Bildungsbereich und bei qualifizierter Arbeit gibt es Nachholbedarf. Hier müssen Medien, Politik und zivilgesellschaftliche Institutionen Verantwortung übernehmen und insbesondere die junge Generation gezielt fördern.
Es ist höchste Zeit, dass Migranten aufhören, als „Problem“ dargestellt zu werden. Keine Gesellschaft ist ein Problem – sie wird nur fälschlicherweise so dargestellt.
Vor 15 Jahren setzten nach der Pflichtschule noch 46 % der Kinder türkischer Herkunft ihre Ausbildung nicht fort. Heute liegt dieser Anteil bei nur 19 %. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf weiterführende Schulen. Die steigende Zahl hochqualifizierter Eltern spiegelt sich auch bei den Kindern wider. Laut Statistik Austria wird die türkische Gemeinschaft bis 2030 das Bildungsniveau der einheimischen Bevölkerung erreichen – wenn der Trend anhält.
Die Arbeitsmarktverengung durch qualifizierte Fachkräfte aus Osteuropa und die soziale Ausgrenzung durch Flüchtlingsströme haben zudem gezeigt: Wer keine Qualifikation hat, hat auch keine Chance auf Arbeit.
Diejenigen, die Migranten als „Problem“ darstellen, sollten genau hinschauen: Scheitert ein Viertel der Kinder im Bildungssystem, liegt das Problem nicht bei den Migranten, sondern bei der Bildungspolitik und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
In Österreich wird Fremdenfeindlichkeit oft über kleine Gruppen konstruiert, während der Beitrag von Ausländern zum gesamten gesellschaftlichen Leben bewusst verschleiert wird.
Ein anschauliches Beispiel: Ein Fremdenfeind ruft in der Wiener U-Bahn „Ausländer raus!“ – doch die U-Bahn wird von einem Migranten gesteuert. Am Ende kommen alle nicht ans Ziel. Ein Bild, das den Wert der Migranten und die Absurdität des Fremdenhasses verdeutlicht.
Die Geschichte zeigt: Als in den 1920er Jahren Juden Wien verlassen mussten, litt die Stadt kulturell und intellektuell enorm. Philosophen, Maler, Schriftsteller und Wissenschaftler verschwanden – ein schmerzhafter Verlust für die Gesellschaft. Ähnlich erging es den Städten nach dem Rückzug der Griechen aus der Ägäis: Handwerker und Fachkräfte gingen verloren, und der Wiederaufbau war schwieriger.
Heute erleben wir dasselbe Muster: Fremdenfeindlichkeit und migrationsfeindliche Politik verschleiern die Beiträge verschiedener Gemeinschaften, während sie die wirtschaftliche, kulturelle und intellektuelle Stärke der Gesellschaft mindern.
Fazit: In Österreich gibt es kein Ausländerproblem. Es gibt nur Probleme der Ausländer. Wer den Eindruck eines Konflikts zwischen Einheimischen und Ausländern erzeugt, betreibt eine gefährliche Rhetorik, die Rassismus auf beiden Seiten nährt.
Die Aufgabe der Gegenwart: Eine gebildete, aufgeklärte Generation heranzuziehen, die das Potenzial aller Menschen erkennt und fördert. Wir wollen nicht Teil des paradoxen Spiels zwischen türkischer und österreichischer Diplomatie sein – wir wollen echte Chancen und Gleichberechtigung für alle.| ©DerVirgül