Wiens verschwindende Gasthäuser und der Aufstieg türkischer Restaurants
| Adem Hüyük
In den Außenbezirken Wiens vollzieht sich seit einigen Jahren ein stiller, aber bemerkenswerter Wandel. Die traditionellen österreichischen Gasthäuser, die einst in nahezu jedem Grätzel zu finden waren, schließen nach und nach ihre Türen. An ihre Stelle treten zunehmend türkische Restaurants, Kebablokale und andere internationale Gastronomiebetriebe.
Der demografische Wandel durch Migration, veränderte Konsumgewohnheiten und wirtschaftliche Entwicklungen prägen die Wiener Esskultur neu. Diese Entwicklung zeigt einerseits den wirtschaftlichen Erfolg türkischer Unternehmerinnen und Unternehmer, andererseits verdeutlicht sie, wie sich die traditionelle Wiener Nachbarschaftskultur verändert.
Wenn man an Wien denkt, gehören die traditionellen Gasthäuser ebenso zum Stadtbild wie die berühmten Kaffeehäuser. Über Jahrhunderte hinweg waren Gasthäuser weit mehr als Orte zum Essen. Hier wurde Politik diskutiert, Geschäftsbeziehungen geknüpft, Arbeiterbewegungen fanden ihren Ursprung, Künstler und Schriftsteller trafen sich. Sogar Ereignisse, die die Geschichte Österreichs beeinflussten, spielten sich in den Räumen eines Gasthauses ab.
Im 18. Jahrhundert machte sich Barbara Roman, besser bekannt als „Schmauswaberl“, einen Namen. In ihrem bescheidenen Gasthaus verkaufte sie übrig gebliebene Speisen aus der kaiserlichen Hofküche zu günstigen Preisen an die Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Wiener Gasthäuser zu sozialen Treffpunkten für Arbeiter, Studenten, Fiaker, Beamte und Aristokraten – Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialer Schichten kamen hier zusammen.
Heute befindet sich diese traditionsreiche Kultur in einem schleichenden Wandel.
Vor allem in den Außenbezirken Wiens nimmt die Zahl der klassischen österreichischen Gasthäuser kontinuierlich ab. Familienbetriebe schließen, weil keine Nachfolge gefunden wird, die Eigentümer in Pension gehen, die Kosten steigen, Fachkräfte fehlen und sich die Essgewohnheiten der Bevölkerung verändern.
Viele der frei werdenden Lokale werden von türkischen Unternehmern übernommen. Kebabrestaurants, Grillhäuser, Pide-Lokale und Restaurants mit türkischer Küche prägen inzwischen das Bild zahlreicher Stadtviertel und treten an die Stelle ehemaliger Gasthäuser.
Dabei handelt es sich nicht nur um einen wirtschaftlichen Wandel. Die Entwicklung spiegelt zugleich die Veränderungen der Bevölkerungsstruktur Wiens, den Einfluss der Migration sowie den tiefgreifenden Wandel der städtischen Gastronomiekultur wider.
Es wäre jedoch falsch, daraus den Schluss zu ziehen, türkische Restaurants hätten die österreichischen Gasthäuser verdrängt oder „verdrängt“. Die Ursachen liegen vielmehr in langfristigen strukturellen Veränderungen. Gleichzeitig lässt sich kaum bestreiten, dass türkische Unternehmer die entstandene Lücke erfolgreich genutzt und mit neuen gastronomischen Konzepten gefüllt haben.
Vielleicht wird die neue Wiener Nachbarschaftskultur heute dort geschrieben, wo einst der Duft von Wiener Schnitzel und Tafelspitz durch die Straßen zog und heute der Geruch von Adana-Kebab, Lahmacun und frisch Gegrilltem in der Luft liegt. Wien verändert sich – und mit der Stadt verändert sich auch ihre Küche.| ©DerVirgül