Im Schatten der Habsburgisch-Osmanischen Rivalität: Die Geschichte der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich

Im Schatten der Habsburgisch-Osmanischen Rivalität: Die Geschichte der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich

| Adem Hüyük

Über viele Jahrzehnte hinweg hatte ein großer Teil der in Österreich lebenden Menschen türkischer Herkunft kein gesetzliches Wahlrecht. Doch bemerkenswert ist nicht nur dieser rechtliche Umstand. Für viele Menschen gehörten das aktive und passive Wahlrecht lange Zeit nicht zum Alltag und auch nicht zur gesellschaftlichen Diskussion.

Die österreichische Politik war für einen großen Teil der türkischstämmigen Bevölkerung kein zentraler Bezugspunkt. Politische Beteiligung wurde vielfach als etwas Fernes wahrgenommen – als ein Bereich, der mit dem eigenen Leben wenig zu tun hatte.

Seit Beginn der Arbeitsmigration im Jahr 1964 hat sich dieses Bild zwar teilweise verändert. Dennoch blieb die politische Repräsentation der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich lange Zeit hinter ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zurück.

Aus ehemaligen Gastarbeitern wurden dauerhaft Ansässige, später österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Damit erhielten viele Menschen auch das Recht zu wählen und sich politisch zu engagieren. Trotzdem entwickelte sich daraus keine starke politische Beteiligung im gleichen Ausmaß.

Die Wahlbeteiligung vieler türkischstämmiger Bürgerinnen und Bürger bei österreichischen Wahlen blieb über lange Zeit vergleichsweise gering. Auch die Zahl jener, die selbst politische Verantwortung übernehmen und kandidieren, blieb begrenzt.

Das Ergebnis: Die türkischstämmige Bevölkerung verfügt bis heute nicht über eine politische Repräsentation, die ihrem Anteil an der Gesellschaft entspricht.

Gleichzeitig zeigte sich ein anderes Bild bei türkischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Für die Stimmabgabe in den eigens eingerichteten Wahllokalen in Österreich nahmen viele Menschen lange Anfahrtswege in Kauf.

Einige gingen sogar das Risiko ein, dass ihre doppelte Staatsbürgerschaft bekannt werden könnte, obwohl eine solche Konstellation nach österreichischem Recht grundsätzlich nicht erlaubt ist.

Genau an diesem Punkt begann in Österreich eine intensivere Diskussion über das politische Verhalten und die Identitätsbeziehungen der türkischstämmigen Bevölkerung.

Politikwissenschaftler, Soziologen und Medien beschäftigten sich mit der Frage, warum eine Gruppe, die bei österreichischen Wahlen vergleichsweise zurückhaltend auftritt, bei türkischen Wahlen eine deutlich höhere Mobilisierung zeigt.

Diese Diskussion blieb nicht auf akademische Kreise beschränkt. Auch österreichische Medien griffen das Thema mehrfach auf und führten Interviews mit dem Der Virgül-Autor Adem Hüyük, um die politischen Einstellungen und gesellschaftlichen Hintergründe der türkischstämmigen Wählerschaft zu analysieren.

Um dieses Verhalten zu verstehen, reicht jedoch der Blick auf Wahlergebnisse allein nicht aus. Politische Entscheidungen und Zugehörigkeitsgefühle müssen im Zusammenhang mit Migrationsgeschichte, Bildung, Integrationspolitik, Staatsbürgerschaftsrecht, politischer Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe betrachtet werden.

Österreich erkannte sich spät als Einwanderungsland

Dass Österreich sich über Jahrzehnte nicht als klassisches Einwanderungsland verstehen wollte, bildet einen wichtigen Hintergrund vieler heutiger Integrationsdebatten.

Umfassende Veränderungen im Migrationsrecht erfolgten zu einem großen Teil erst nach dem EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 – auch aufgrund der notwendigen Anpassung an europäische Regelungen.

Die lange Verzögerung einer umfassenden Einwanderungspolitik und die Tatsache, dass viele Veränderungen erst durch rechtliche Verpflichtungen entstanden, erschwerten eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über Migration.

Dadurch entwickelte sich Migration zunehmend von einem politischen Sachthema zu einem der umstrittensten Themen in Wahlkämpfen und populistischen Debatten.

Diese Veränderung zeigte sich auch in der Sprache.

Bis in die 1980er-Jahre wurden ausländische Arbeitskräfte in Österreich vor allem als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Dahinter stand die Vorstellung, dass diese Menschen eines Tages wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden.

Als diese Rückkehr jedoch vielfach ausblieb, änderte sich auch die gesellschaftliche Wahrnehmung. Zunächst sprach man häufiger von „Mitarbeitern“, später setzte sich mit der dauerhaften Niederlassung zunehmend der Begriff „Migranten“ durch.

Es veränderten sich nicht nur Begriffe. Auch der Blick des Staates und der Gesellschaft auf Migration begann sich langsam zu verändern.

Die historische Rivalität zwischen Osmanischem Reich und Habsburgermonarchie

Die jahrhundertelange historische Gegnerschaft zwischen Österreich und der Türkei sowie die gegenseitig entstandenen Bilder und Vorurteile sind bis heute nicht vollständig verschwunden.

Obwohl die heute in Österreich lebenden Menschen türkischer Herkunft keine Verantwortung für diese historische Vergangenheit tragen, werden sie in gesellschaftlichen Debatten manchmal weiterhin im Schatten dieser Geschichte wahrgenommen.

Die Konkurrenz zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburgermonarchie gehört zwar längst der Vergangenheit an. Dennoch können kulturelle und psychologische Spuren dieser historischen Erfahrungen in aktuellen politischen Diskussionen wieder sichtbar werden.

In solchen Momenten werden Menschen türkischer Herkunft nicht immer nur als Individuen betrachtet, sondern manchmal auch als vermeintliche Vertreter einer historischen Vergangenheit.

Dabei sind viele Angehörige der dritten und vierten Generation längst in Österreich aufgewachsen. Sie haben das österreichische Bildungssystem durchlaufen, arbeiten hier und haben ihr gesamtes Leben in diesem Land aufgebaut.

Trotzdem erleben manche von ihnen weiterhin die Auswirkungen historischer Vorurteile und aktueller politischer Spannungen.

Vielleicht gehört genau dieser Punkt zu den am wenigsten diskutierten Aspekten der Integrationsdebatte: Menschen tragen nicht nur die Folgen ihres eigenen Handelns, sondern manchmal auch die Auswirkungen historischer Wahrnehmungen, die über Generationen weitergegeben wurden.

Integration ist keine Einbahnstraße

Integration ist nicht nur ein Anpassungsprozess, den Migrantinnen und Migranten leisten müssen. Sie ist auch die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich mit eigenen historischen Bildern und Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Wenn eine Gesellschaft von Menschen mit Migrationsgeschichte Zugehörigkeit erwartet, gleichzeitig aber ihre politische Beteiligung nicht ausreichend fördert, sie häufig ausschließlich über Migration, Sicherheit oder Integrationsprobleme definiert und historische Vorurteile fortbestehen lässt, dann liegt die Verantwortung für eine gelingende Integration nicht nur auf einer Seite.

Echte Integration beginnt dort, wo Menschen unabhängig von ihrer Herkunft als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden.

Erst dann kann die türkischstämmige Bevölkerung Österreichs jene politische und gesellschaftliche Repräsentation erreichen, die ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht. | © Der Virgül

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