Für Österreich gestorben, aber von Österreich nicht gewürdigt: 131 osmanische Soldaten
Im Rahmen dieser Untersuchung zur Galizienfront konnten in den österreichischen Archiven keine umfassenden Informationen und Dokumente über osmanische Soldaten gefunden werden. Die nachstehenden Daten wurden auf Grundlage von Archivquellen der Republik Türkei sowie bestehender Verifizierungen zusammengestellt.
Heute werden die Gräber von 131 osmanischen Soldaten, die sich auf dem Wiener Zentralfriedhof befinden, jedes Jahr von Migranten türkischer Herkunft sowie durch Zeremonien der Botschaft der Republik Türkei in Wien besucht.
Es wird festgestellt, dass diese Gräber lange Zeit sowohl in der akademischen als auch in der öffentlichen Wahrnehmung nur begrenzt bekannt waren und erst nach 2017 durch verschiedene Initiativen und individuelle Sensibilisierungsbemühungen sichtbarer wurden. Dieser Prozess gewann insbesondere durch die Initiativen engagierter Einzelpersonen in Wien an Dynamik.
Dieses Wissen hätte nicht nur unter uns bleiben dürfen; es hätte sich nicht zu einem bloßen Versuch entwickeln sollen, die Existenz und Erinnerung der Gefallenen erst beweisen zu müssen. Eine starke staatliche Vernunft hätte dafür sorgen müssen, dass dies ohnehin sichtbar und anerkannt ist.
Ein Lied, das Cem Karaca vor Jahren gesungen hat, scheint wie auf diese Situation zugeschnitten:
„Ich bin ein Walnussbaum im Gülhane-Park / Weder du bist dir dessen bewusst, noch die Polizei“
Dabei war Galizien für Österreich eine äußerst bedeutende Region. Nach der Teilung Polens im Jahr 1772 wurde Galizien Teil des österreichischen Territoriums und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner Erdölvorkommen als „das Texas Österreichs“ bezeichnet. Gleichzeitig wurde die Region auch als „Mutter Israels“ beschrieben, da ein großer Teil der rund 42.000 Galizier, die 1910 in Wien lebten, jüdischen Glaubens war.
Während die offizielle Geschichtsschreibung Österreichs solchen historischen Entwicklungen ausführlich Raum gibt, bleibt die Anerkennung und Würdigung der alliierten Soldaten, die in dieser Region ihr Leben verloren haben, größtenteils den Nachkommen von Gastarbeitern überlassen.
Es hätten nicht nur wir uns dessen bewusst sein dürfen …
Der Erste Weltkrieg war ein Krieg, der nicht nur an den Fronten, sondern auch in den Erinnerungen geformt wurde. Das Osmanische Reich und die Österreichisch-Ungarische Monarchie standen im selben Bündnis; sie kämpften gemeinsam und erlitten gemeinsam Verluste.
Einer der Schauplätze dieser Zusammenarbeit war die Galizienfront. Diese Front, die sich auf dem Gebiet des heutigen Polens und der Ukraine befand, gilt als eine der härtesten Linien des Krieges. Osmanische Soldaten waren dort als Unterstützungseinheiten im Einsatz und erlitten dabei Verluste.
Heute befindet sich in Wien auf dem Zentralfriedhof ein Bereich, in dem nach allgemeiner Auffassung etwa 131 osmanische Soldaten begraben sind. Diese Gräber weisen auf eine historisch belegte Realität hin, die auch von der Botschaft der Republik Türkei in Wien bestätigt wird.
Doch die eigentliche Frage ist nicht die Existenz dieser Gräber, sondern wie ihrer gedacht wird.
Ein Blick auf die offizielle Geschichtserzählung Österreichs, auf Museumsdarstellungen und allgemeine Erinnerungskulturen zeigt, dass die Geschichte dieser Soldaten keinen zentralen Platz einnimmt. Auf der anderen Seite wird dieser Ort in der Türkei weitgehend durch diplomatische Vertretungen und türkische Vereine regelmäßig gewürdigt.
Es existieren also zwei unterschiedliche Erinnerungspraxen: Die eine erinnert, die andere bleibt nur begrenzt beteiligt. An diesem Punkt ist es weder ausreichend, die Debatte auf einen simplen „Mangel an Dankbarkeit“ zu reduzieren, noch sie als vollständiges „Ignorieren“ darzustellen.
Die jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen zeigen, dass die türkische Seite diese Geschichte lebendig hält. Dass dieses Erinnern jedoch überwiegend einseitig erfolgt, ist ebenfalls Gegenstand einer eigenen Diskussion. Die Beteiligung der österreichischen Seite bleibt meist begrenzt.
Dies macht deutlich, dass die Erinnerungspolitiken beider Länder unterschiedliche Prioritäten setzen. Staaten formen ihre Geschichtsnarrative entsprechend ihren inneren Dynamiken, Identitätskonstruktionen und politischen Prioritäten. Welche Geschichte wie sichtbar ist, ist daher oft das Ergebnis solcher Entscheidungen.
Genau deshalb geht es in diesem Text nicht darum, Partei zu ergreifen, sondern sowohl die Erinnernden als auch die Nicht-Erinnernden aus der gleichen Distanz heraus zu hinterfragen.
Die 131 Gräber in Wien sind nicht nur ein Relikt der Vergangenheit, sondern auch eine Erinnerung daran, wie wir heute mit Geschichte umgehen.
Und vielleicht lautet die eigentliche Frage:
Wird Geschichte wirklich vergessen – oder nur selektiv erinnert? | ©DerVirgül