„Alles, was als ‚von uns‘ totgeschwiegen wird, verrotten lässt die Gesellschaft“
Während meiner Arbeit als Reporter vor Ort ist mir eines besonders aufgefallen: weniger der Inhalt einer Nachricht bestimmt ihre Wirkung, sondern wie sie aufgenommen wird.
Ein und derselbe Text, dieselbe Schlagzeile, sogar dasselbe Bild kann in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen völlig verschiedene Bedeutungen annehmen. Das hängt nicht nur mit der Sprache der Medien zusammen, sondern auch mit alltäglichen Sprachpraktiken, dem Zugang zu Informationen und der Aufmerksamkeitsspanne der Menschen.
Während die Produktion von Nachrichten immer schneller wird, bleibt der Prozess des Verstehens und Verinnerlichens oft zurück. Diese Kommunikationslinie zwischen Medien und Gesellschaft ist deutlich fragiler und vielschichtiger, als man annimmt.
Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass manche Medienhäuser ihre Sprache und ihren Stil zunehmend an populäre Erwartungen anpassen, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Dadurch rückt manchmal nicht mehr der Inhalt, sondern die Art der Präsentation in den Vordergrund.
Ein Restaurantbetreiber in Wien hat mir dazu eine weitere Perspektive gegeben.
Er sagte, negative Berichte würden die gesamte Branche beeinflussen, auch „unschuldige“ Betriebe würden darunter leiden. Als ich ihn daran erinnerte, dass es ähnliche Berichte auch in der österreichischen Presse gibt, entgegnete er, dass diese Inhalte dort kaum breite Reichweite hätten, während sie in türkischsprachigen Medien [bei Der Virgül] eine viel stärkere Wirkung entfalten würden.
Meine Antwort war klar:
Sollen wir nicht darüber schreiben, wenn manche Betriebe die öffentliche Gesundheit gefährden, nur um mehr Gewinn zu machen?
Die gleiche Frage gilt auch für andere Bereiche. Sollen wir Fälle von Korruption, Belästigung oder Amtsmissbrauch in Institutionen mit türkischem Hintergrund ignorieren, nur damit „die Institution keinen Schaden nimmt“?
Diese Fragen sind für mich nicht theoretisch.
Als im Bezirk Neunkirchen in Niederösterreich der Vorwurf von Mobbing gegen eine Religionslehrerin bekannt wurde, bat uns die zuständige Institution darum, den Fall nicht zu stark zu thematisieren. Die Begründung war bekannt: „Die Institution soll nicht wegen einer Person beschädigt werden.“ Damals haben wir das Thema nur eingeschränkt behandelt und abgeschlossen.
Ein Jahr später.
Die Wahrheit hat die Eigenschaft, früher oder später ans Licht zu kommen.
Bei einer Restaurant-Eröffnung in Wien traf ich zufällig eine Frau und ihren Ehemann, die im Bezirk Neunkirchen als islamische Religionslehrerin tätig ist. Ich kannte sie nicht, und sie wussten nicht, dass ich der Journalist war, der damals kurz davor stand, über diesen Fall zu berichten.
Im Gespräch kam das Thema irgendwie auf Neunkirchen. Ich erwähnte, dass ich den Vater der Lehrerin kenne und dass wir früher gemeinsam bei Semperit gearbeitet haben. Danach öffnete ich den alten Fall: Ein Mädchen sei ausgegrenzt worden, weil ihre Mutter kein Kopftuch getragen habe; sie sei mit dem Vorwurf konfrontiert worden, ihre Nahrung enthalte „Schweinebestandteile“, und habe dadurch Mobbing erlebt. Außerdem erwähnte ich offen, dass uns damals auf Wunsch der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich [IGGÖ] gebeten wurde, das Thema nicht zu stark auszubreiten.
Die Antwort des Ehemannes der Lehrerin war ein Satz:
„Das war eine Verleumdung, eine Rufschädigung.“
Ich fragte direkt:
Sind die Erlebnisse eines achtjährigen Kindes eine Verleumdung?
Die Antwort blieb unklar. Die Haltung hingegen war deutlich.
Ich habe es bereut, den Artikel damals nicht veröffentlicht zu haben…
Es braucht keine langen Erklärungen. Ich kenne die Familie dieser Lehrerin. Ich kenne auch das Kind, das gemobbt wurde. Ich habe sogar über ihre Erfolge berichtet.
Gerade deshalb ist das für mich keine abstrakte Debatte.
Meine Aussage ist klar:
An jene, die sagen: „Das ist unsere Institution, wir dürfen ihr nicht schaden.“
Denn dieses Schweigen deckt das Falsche nicht auf.
Es macht es nur unsichtbarer und bequemer.
Aber wer schützt dieses Schweigen eigentlich?
Fragen sich diejenigen, die in solchen Institutionen Fehler machen — oder machen könnten — nicht irgendwann:
„Die türkischsprachigen Medien werden es ohnehin nicht schreiben. Im schlimmsten Fall gibt es interne Konsequenzen, aber keine öffentliche Rechenschaft.“
Genau hier zeigt sich die Beziehung zwischen Medien und Gesellschaft in ihrer ganzen Klarheit.
Bildungsniveau, Erwartungen und Sensibilitäten formen die Medien. Aber Medien formen durch das, was sie sichtbar machen oder verschweigen, wiederum die Gesellschaft.
Und oft ist das eigentliche Problem nicht der Fehler selbst, sondern sein Verschweigen.
Am Ende dieses Prozesses ist auch für mich persönlich eine Konsequenz entstanden: Ich musste meine Telefonnummer ändern. Denn wenn man journalistisch arbeitet, insbesondere in kleinen und eng verflochtenen Gemeinschaften, werden Nachrichten nicht nur veröffentlicht — sie machen einen selbst zur Zielscheibe.
In manchen türkischsprachigen Medien- und Social-Media-Strukturen in Österreich gibt es zudem eine andere Realität: Die direkte Erreichbarkeit von Redaktionen erhöht den Druck von außen erheblich. Wer diese Anrufe nicht erhält, wer diese Kontakte nicht am eigenen Leib spürt, kann das Ausmaß schwer nachvollziehen.
Doch Journalismus braucht Distanz.
Wenn zwischen Redaktion und Subjekt der Berichterstattung keine Grenze mehr besteht, verschwindet auch der Journalismus selbst.
Wo diese Grenze verloren geht, verliert die Medienlandschaft ihre kritische Kraft. Sie produziert nicht mehr Inhalte, sondern Erwartungen. Und am Ende entsteht ein System, das nicht mehr aufklärt, sondern nach Zustimmung funktioniert.
Das ist nicht nur ein Medienproblem.
Es ist eine Form der Selbstverkleinerung der Gesellschaft.| © Der Virgül