Süleymancılar: Was steht in den Geheimdienstberichten Deutschlands und Österreichs?

Süleymancılar: Was steht in den Geheimdienstberichten Deutschlands und Österreichs?

Der Virgül | Recherche 

Von der Spätphase des Osmanischen Reiches bis zur Operation gegen Alihan Kuriş: Die 100-jährige Geschichte einer religiösen Struktur 

Die religiöse Gemeinschaft, die in der Öffentlichkeit als „Süleymancılar“ und von ihren Mitgliedern überwiegend als „Süleymanlılar“ bezeichnet wird, gilt als eine der ältesten und zugleich verschlossensten religiösen Gemeinschaften der Türkei. 

Ihre Wurzeln reichen bis in die Spätphase des Osmanischen Reiches zurück. Nach der Gründung der Republik begann die Bewegung, außerhalb des staatlich abgeschafften Medresen-Systems religiöse Bildung anzubieten. Ab den 1950er-Jahren wuchs sie insbesondere über Korankurse und Studentenwohnheime schnell an. Im Laufe der Zeit baute sie Strukturen nicht nur in der Türkei, sondern auch in verschiedenen Ländern Europas, Amerikas und Asiens auf. 

Heute stehen die Süleymancılar erneut im Mittelpunkt der türkischen Öffentlichkeit. 

Am 13. August 2026 erließ die Generalstaatsanwaltschaft Ankara im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens gegen 49 Personen, darunter den als Anführer der Gemeinschaft bekannten Alihan Kuriş, Haftbefehle. Die Operation wurde in 17 Provinzen durchgeführt. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht nicht die religiöse Tätigkeit der Gemeinschaft, sondern ihre finanzielle und wirtschaftliche Struktur. 

Die Staatsanwaltschaft untersucht unter anderem die Vorwürfe der Gründung und Führung einer kriminellen Organisation, Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation, Geldwäsche von Vermögenswerten aus Straftaten, Betrug zum Nachteil öffentlicher Einrichtungen sowie Verstöße gegen das Steuerverfahrensgesetz. 

Justizminister Akın Gürlek erklärte seinerseits, die Operation richte sich nicht gegen eine religiöse Auffassung oder eine religiöse Gemeinschaft, sondern gegen deren finanzielle Strukturen. 

 

Was sagen die Sicherheits- und Nachrichtendienste in Österreich und Deutschland über die Süleymancılar? 

Bei einem Blick auf die Sicherheits- und Nachrichtendienstquellen in Deutschland und Österreich zeigt sich, dass es keine einheitliche und unveränderliche Einstufung der Süleymancılar als „Terrororganisation“ gibt. Im Gegenteil: Die Bewertung hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. 

Insbesondere in Deutschland wird zwischen der in der Türkei entstandenen Süleymancı-Bewegung und der über den VIKZ (Verband der Islamischen Kulturzentren) organisierten Struktur eine historische Verbindung hergestellt. 

Eine wichtige Feststellung im früheren österreichischen Verfassungsschutzbericht 

Der österreichische Verfassungsschutzbericht 2005 stufte die Süleymancılar nicht direkt als „Terrororganisation“ ein. Sie wurden jedoch unter der Rubrik „türkischer Islamismus“ behandelt. 

Der Bericht beschreibt die Verbindung von Süleyman Hilmi Tunahan zur Naqschbandiyya-Tradition und stellt fest, dass sich die Süleymancı-Bewegung über Korankurse nach einem „Schneeball- und Zellsystem“ ausgebreitet habe. Im selben Abschnitt werden die Süleymancılar als eine der stärksten Gruppierungen unter den türkischen Muslimen in Österreich und Europa bezeichnet. 

Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung im Bericht: 

Die Süleymancılar hätten demnach die Islamisierung nicht durch Gewalt, sondern durch Glauben und Bildung sowie im Rahmen der geltenden Gesetze vorantreiben wollen. 

Andere Organisationen, die tatsächlich revolutionäre oder terroristische Methoden befürworteten, wurden dagegen im selben Bericht in einer eigenen Kategorie behandelt. 

Daher wäre es falsch, den österreichischen Verfassungsschutzbericht von 2005 mit der Aussage zusammenzufassen: „Die Süleymancılar sind eine Terrororganisation.“ 

Die Situation in Deutschland ist komplizierter 

Die wichtigste institutionelle Struktur der Süleymancı-Bewegung in Deutschland ist der VIKZ – Verband der Islamischen Kulturzentren. 

In deutschen Quellen besteht ein weitgehender historischer Konsens darüber, dass der VIKZ aus der Süleymancı-Bewegung hervorgegangen ist. Allerdings muss zwischen früheren Bewertungen und der heutigen Situation unterschieden werden, wenn es um die Frage geht, ob der VIKZ heute vom Verfassungsschutz als islamistische Organisation beobachtet wird. 

In Bewertungen aus den frühen 1990er-Jahren wurde der VIKZ teilweise als „islamistisch und integrationsfeindlich“ bezeichnet. Spätere Einschätzungen bewerteten den Verband dagegen zunehmend als „neotraditionalistisch und primär religiös“. 

2008 gab es in Nordrhein-Westfalen schwere Vorwürfe 

Im Jahr 2008 wurden in Nordrhein-Westfalen erhebliche Vorwürfe gegen den VIKZ erhoben. 

Das nordrhein-westfälische Innenministerium bezeichnete den VIKZ damals als „integrationsfeindlich“. Ihm wurde zugeschrieben, eine streng konservative Auslegung des Islam zu vertreten. Außerdem wurde die Einschätzung geäußert, eine „Gut-und-Böse“- beziehungsweise „Schwarz-Weiß“-Sicht könne die Radikalisierung junger Menschen begünstigen. 

Gleichzeitig wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass keine ausreichenden Erkenntnisse dafür vorlägen, dass der VIKZ den Islam zu politischen Zwecken instrumentalisiere oder extremistisch sei. 

Noch wichtiger ist folgende Unterscheidung: 

Obwohl nordrhein-westfälische Behörden damals erklärten, der „Verfassungsschutz beobachte den VIKZ“, entwickelte sich daraus offenbar kein formeller und dauerhafter Status als Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes. 

Der VIKZ selbst verwies 2008 darauf, dass das NRW-Innenministerium bestätigt habe, der Verband sei zu keinem Zeitpunkt offizielles Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes gewesen. 

Die wichtigste institutionelle Struktur der Süleymancı-Bewegung in Deutschland, der VIKZ, war in der Vergangenheit wegen Fragen der Integration, der Abschottung und der konservativ-religiösen Bildung Gegenstand von Kritik durch Sicherheitsbehörden und Politiker. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass der VIKZ heute insgesamt vom Verfassungsschutz als islamistische oder extremistische Organisation eingestuft wird. 

Das Thema „abgeschottete Struktur“ ist dennoch relevant 

Der frühere österreichische Verfassungsschutzbericht beschreibt die Süleymancılar als starke, organisierte und über ein eigenes Bildungssystem wachsende Struktur. 

Auch der VIKZ in Deutschland war in der Vergangenheit unter anderem wegen folgender Punkte Gegenstand behördlicher und politischer Aufmerksamkeit: 

  • abgeschottete Gemeinschaftsstruktur, 
  • religiöse Erziehung von Schülern und Jugendlichen, 
  • Internate und Studentenwohnheime, 
  • eine nach außen wenig transparente Organisationsstruktur, 
  • Integrationsprobleme. 

Auch die erheblichen Diskussionen über die Jugendwohnheime und das Bildungssystem des VIKZ in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 standen in diesem Zusammenhang. 

Dabei ist allerdings eine wichtige rechtliche Unterscheidung zu beachten: 

Zwischen einer abgeschotteten beziehungsweise konservativen religiösen Gemeinschaft und einer verfassungsfeindlichen oder terroristischen Organisation besteht ein erheblicher rechtlicher Unterschied. 

Ein interessanter Aspekt aus österreichischer Sicht 

Im österreichischen Bericht von 2005 werden die Süleymancılar und Milli Görüş im selben Hauptkapitel behandelt. Der Bericht ordnet sie jedoch nicht derselben Kategorie wie Organisationen zu, die Gewalt anwenden oder terroristische Methoden befürworten. 

In den heutigen Berichten der österreichischen DSN liegt der Schwerpunkt dagegen auf Bereichen wie dem IS, Al-Qaida-nahen Strukturen, Radikalisierungsnetzwerken, Hamas beziehungsweise islamistischem Extremismus, ausländischen Nachrichtendiensten und vergleichbaren Gefahren. Auch im Bericht 2025 werden islamistischer Extremismus und Terrorismus als eigenständige Gefahrenbereiche behandelt. 

Die Süleymancılar gehören in den aktuellen DSN-Berichten nicht zu den zentralen Bedrohungskategorien. 

Fazit 

Die Sicherheitsbehörden in Deutschland und Österreich haben die Süleymancı-Bewegung in früheren Berichten als starke, hierarchische, konservativ-islamistische und teilweise abgeschottete religiöse Struktur beschrieben. Insbesondere ihre Jugendarbeit, interne Organisation und Integrationsfragen standen dabei im Fokus staatlicher Aufmerksamkeit. 

Gleichzeitig werden die Süleymancılar in aktuellen Bewertungen nicht in dieselbe Kategorie wie den IS oder andere gewaltorientierte islamistische Terrororganisationen eingeordnet. 

Der entscheidende Unterschied lautet daher: Kritik an einer religiösen, abgeschotteten oder konservativen Struktur ist nicht gleichbedeutend mit der Einstufung als terroristische oder verfassungsfeindliche Organisation. 


Wer sind die Süleymancılar? 

Um diese Bewegung zu verstehen, muss man etwa ein Jahrhundert zurückblicken. 

Der Beginn der Geschichte: Süleyman Hilmi Tunahan 

Die zentrale Figur der Süleymancı-Bewegung ist Süleyman Hilmi Tunahan. 

Tunahan wurde 1888 in Ferhatlar geboren, das heute innerhalb der Grenzen Bulgariens liegt. Er wurde in der osmanischen Medresen-Tradition ausgebildet und lehrte später als Dersiam an den Fatih- und Süleymaniye-Medresen in Istanbul. 

Eine der wichtigsten Zäsuren in Tunahans Leben war die Neuordnung des türkischen Bildungssystems. 

Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Einheit des Bildungswesens (Tevhid-i Tedrisat Kanunu) im Jahr 1924 wurden die Medresen geschlossen. Tunahan verlor dadurch seine offizielle Stellung an einer Medrese. In den folgenden Jahren arbeitete er als Prediger in Istanbuler Moscheen und begann, Schüler für religiöse Unterweisungen um sich zu sammeln. 

Laut der TDV İslâm Ansiklopedisi hielt Tunahan ab 1938 in verschiedenen Istanbuler Moscheen Predigten. Gleichzeitig bildete er in Moscheeräumen und Kellern von Wohnhäusern kleine Unterrichtskreise. 1943 wurde ihm die Predigerlaubnis entzogen; 1950 erhielt er diese wieder. 

Daraus ergibt sich ein wichtiger Punkt für das Verständnis der frühen Phase der Süleymancı-Bewegung: 

Die zentrale Tätigkeit der Bewegung war zunächst die religiöse Bildung und nicht die politische Organisation. 

Die Verbindung zur Nakşibendiyye 

Auch hinsichtlich der religiösen Wurzeln der Süleymancılar gibt es einen wichtigen Aspekt. 

Die Bewegung steht in Verbindung mit der Tradition der Nakşibendiyye. Die TDV İslâm Ansiklopedisi beschreibt, wie sich die um Tunahan entstandene Struktur insbesondere um die Vermittlung des Korans entwickelte. Auch der VIKZ bezeichnet sich selbst als sunnitisch-hanafitisch und hinsichtlich seiner religiösen Prägung (meşrep) als nakşibendisch. 

Hier ist jedoch eine wichtige Unterscheidung notwendig. 

Die Süleymancılar verstehen sich nicht im klassischen Sinne als „Tarikat“ (Sufi-Orden). 

In einer offiziellen Erklärung des VIKZ in Deutschland wird darauf hingewiesen, dass die Bezeichnungen „Süleymancı“ bzw. „Süleymancılık“ von außen vergeben worden seien. Die Mitglieder sollten vielmehr als Schüler von Süleyman Hilmi Tunahan verstanden werden. 

Daher verwenden wir in diesem Beitrag den Begriff „Süleymancılar“, weil dies die in der Öffentlichkeit gebräuchliche Bezeichnung ist. 

1950: Die Ära der Demokratischen Partei und eine neue Phase 

Obwohl Tunahans Aktivitäten in den 1940er-Jahren verschiedenen Einschränkungen ausgesetzt waren, begann mit dem Übergang zum Mehrparteiensystem und dem Machtantritt der Demokratischen Partei eine neue Phase im Bereich der religiösen Bildung. 

Nach der eigenen Darstellung des VIKZ lockerten sich nach 1946 die Beschränkungen im Bildungsbereich. Tunahan gründete daraufhin ohne staatliche Unterstützung Korankurse und bildete zahlreiche Imame, Muezzine, Prediger und Muftis aus. Einige von ihnen übernahmen später verschiedene Aufgaben innerhalb der staatlichen Religionsbehörde Diyanet. 

Auch die TDV İslâm Ansiklopedisi weist darauf hin, dass das liberalere Umfeld nach 1950 eine rasche Entwicklung der Gemeinschaft ermöglichte. Über Schüler und Korankurse breiteten sich die religiösen Bildungsaktivitäten in verschiedenen Regionen der Türkei aus. 

Diese Phase legte zugleich den Grundstein für das Organisationsmodell, das die Süleymancı-Struktur später prägen sollte: 

Korankurs → Schüler → Studentenwohnheim → Absolvent → Gemeinschaftsnetzwerk 

1959: Tunahan stirbt, die Organisation wächst weiter 

Süleyman Hilmi Tunahan starb am 16. September 1959. 

Nach seinem Tod organisierte zunächst ein Beratungsgremium die Aktivitäten der Gemeinschaft. Anfang der 1960er-Jahre begannen sich die Korankurse wieder stärker auszubreiten. 

Laut einer an der Marmara-Universität erstellten wissenschaftlichen Studie normalisierten sich die nach dem Militärputsch von 1960 beeinträchtigten Korankurs-Aktivitäten 1962 wieder. 1966 erreichte die Zahl der Kurse demnach etwa 3.000. 

Diese Zahl ist wichtig, um zu verstehen, warum die Organisation nicht auf eine kleine religiöse Gruppe beschränkt blieb. 

Die Süleymancılar entwickelten sich in der Türkei zu einem weitreichenden Netzwerk, das den Bedarf an religiöser Bildung über lokale und zentrale Strukturen abdeckte. 

Die Ära Kemal Kaçar: Von der religiösen Organisation zur politischen Kraft 

Kemal Kaçar, der Schwiegersohn Tunahans, wurde ab den 1970er-Jahren faktisch zum Anführer der Gemeinschaft. 

Die Ära Kaçar war eine Phase, in der die Beziehungen der Organisation zur politischen Landschaft sichtbarer wurden. 

Wissenschaftliche Arbeiten weisen darauf hin, dass Kaçar Abgeordneter für Parteien der politischen Mitte war und eine aktive Rolle bei den politischen Präferenzen der Gemeinschaft spielte. 

In dieser Zeit wäre es zu kurz gegriffen, die Beziehung der Süleymancılar zur Politik lediglich als „Wahl einer bestimmten Partei“ zu betrachten. 

Denn mit dem Wachstum der Gemeinschaft wurden 

  • Korankurse,  
  • Studentenwohnheime,  
  • Bildungsvereine,  
  • lokale Honoratioren,  
  • Geschäftsleute und  
  • Politiker  

zu unterschiedlichen Bestandteilen desselben sozialen Netzwerks. 

Dieses Modell bildete in den folgenden Jahrzehnten auch eine Grundlage für den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der Gemeinschaft. 

2000: Führungswechsel und erste Spaltungen innerhalb der Gemeinschaft 

Kemal Kaçar starb am 17. Juni 2000. 

Nach seinem Tod übernahm Arif Ahmet Denizolgun, ein Enkel Süleyman Hilmi Tunahans, die Führung der Gemeinschaft. 

Die Zeit Denizolguns ist insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis der Süleymancılar zur Politik bemerkenswert. 

Denizolgun wurde bei der Parlamentswahl 1995 für die Refah Partisi (Wohlfahrtspartei) als Abgeordneter für Antalya gewählt. Nach dem Verbot der Refah Partisi setzte er seine politische Laufbahn jedoch nicht innerhalb der Milli-Görüş-Bewegung fort, sondern wurde Verkehrsminister in der Regierung von Mesut Yılmaz. 

Damit wurde die Verbindung zwischen der Führung der Gemeinschaft und der aktiven Politik noch enger. 

Die AKP-Ära: Warum standen die Süleymancılar nicht auf derselben Linie wie Erdoğan? 

Die Beziehungen zwischen den Süleymancılar und der AKP waren – anders als bei einigen anderen religiösen Gruppierungen in der Türkei – nie ein einfaches und dauerhaftes Bündnis. 

Wissenschaftliche Arbeiten berichten, dass nach 2000 ein bedeutender Teil der Gemeinschaft unterschiedliche Parteien der politischen Mitte unterstützte. Gleichzeitig gab es innerhalb der Gemeinschaft auch einen Flügel, der die AKP unterstützte. 

Als wesentlicher Grund dafür lässt sich die Bestrebung der Gemeinschaft betrachten, ihre organisatorische Unabhängigkeit zu bewahren, anstatt sich politisch vollständig an ein einziges Zentrum zu binden. 

Dabei ist jedoch ein wichtiger Punkt zu beachten: 

Wenn gesagt wird, „die Süleymancılar haben diese Partei gewählt“, bedeutet das nicht, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft dieselbe Partei gewählt haben. 

Bei Aussagen über die politischen Präferenzen religiöser Gemeinschaften müssen vielmehr drei Ebenen voneinander unterschieden werden: die Unterstützung durch die Führung der Gemeinschaft, die Haltung lokaler Strukturen und die individuellen Wahlentscheidungen der Mitglieder. 

2016: Der Tod von Arif Ahmet Denizolgun und Alihan Kuriş 

Einer der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der Süleymancılar war der 8. September 2016. 

Arif Ahmet Denizolgun starb an diesem Tag. 

Nach seinem Tod ging die Führung der Gemeinschaft auf seinen Neffen Alihan Kuriş über. Kuriş, Jahrgang 1979, ist ausgebildeter Architekt und wurde auch mit den architektonischen Projekten der Kurs- und Bildungsgebäude der Gemeinschaft in Verbindung gebracht. 

Damit entwickelte sich die Führungsfolge innerhalb von rund 60 Jahren von 

Süleyman Hilmi Tunahan → Kemal Kaçar → Arif Ahmet Denizolgun → Alihan Kuriş. 

Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass die Führung über lange Zeit hinweg über familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen weitergegeben wurde. 

Das neue Profil der Süleymancılar unter Alihan Kuriş 

Unter Alihan Kuriş entwickelte die Gemeinschaft ein noch stärker abgeschottetes Erscheinungsbild. 

Seit 2016 hielt sich Kuriş mit öffentlichen politischen Äußerungen weitgehend zurück. 

Die Bildungs-, Wohnheim- und Wirtschaftsstrukturen der Gemeinschaft wurden jedoch weiter ausgebaut. 

Hier zeigt sich ein wichtiges Merkmal, das die Süleymancılar von einigen anderen religiösen Organisationen unterscheidet: 

Die Süleymancılar wuchsen in erster Linie nicht durch die mediale Präsenz ihrer Anführer, sondern durch ihre institutionellen Netzwerke. 

Auch ohne eigenen Fernsehsender oder ein starkes politisches Medienorgan konnten sie ein weitreichendes Netzwerk aus Bildungseinrichtungen und Studentenwohnheimen aufbauen. 

Studentenwohnheime: Ein wichtiges Instrument für das Wachstum der Gemeinschaft 

Einer der stärksten Bereiche der Süleymancı-Strukturen waren die Studentenwohnheime. 

Vor allem für Schüler und Studenten, die für ihre Ausbildung weit entfernt von ihren Familien lebten, waren diese Wohnheime nicht nur Unterkünfte, sondern zugleich Orte religiöser und sozialer Bildung. 

Für die Gemeinschaft entstand dadurch ein äußerst effektives Organisationsmodell: 

Das Kind kommt ins Wohnheim → erhält religiöse Bildung → wächst im Umfeld der Gemeinschaft auf → schließt seine Ausbildung ab → nimmt am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teil → bleibt mit der nächsten Generation von Schülern und Studenten verbunden. 

Das Wohnheimsystem wurde gleichzeitig zu einem der Bereiche, in denen die Organisation mit den schwersten Vorwürfen konfrontiert wurde. 

Das Unglück von Taşkent 2008 

Am 1. August 2008 stürzte in der Ortschaft Balcılar im Bezirk Taşkent in der Provinz Konya ein dreistöckiges Wohnheim ein, in dem Koranunterricht angeboten wurde. 

Bei dem Unglück kamen zahlreiche Kinder ums Leben, weitere wurden verletzt. 

In den damaligen Medienberichten wurde das Wohnheim mit den Süleymancılar in Verbindung gebracht. 

Der Vorfall brachte die Sicherheit von Wohnheimen religiöser Gemeinschaften und die Frage nach der staatlichen Kontrolle solcher Einrichtungen auf die politische und gesellschaftliche Tagesordnung der Türkei. 

Aladağ: 12 Menschen sterben bei einem Brand 

Eines der schwersten gesellschaftlichen Traumata im Zusammenhang mit den Süleymancılar ereignete sich am 29. November 2016 im Bezirk Aladağ in der Provinz Adana. 

Bei einem Brand in einem Mädchenwohnheim, das mit den Süleymancılar in Verbindung gebracht wurde, kamen 12 Menschen ums Leben, darunter 11 Schülerinnen. 24 Schülerinnen wurden verletzt. 

Im anschließenden Gerichtsverfahren wurden gegen Wohnheimleiter und weitere Angeklagte Strafen verhängt. Das Berufungsgericht der Region Adana überprüfte 2022 einige dieser Strafen erneut. Gegen einige Angeklagte wurden beispielsweise Freiheitsstrafen wegen bewusster Fahrlässigkeit verhängt. 

Das Unglück von Aladağ stellte erneut die Frage in den Mittelpunkt, wie ausreichend die staatliche Kontrolle privater Wohnheime tatsächlich ist. 

Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern 

In den vergangenen Jahren gerieten einige Wohnheime der Süleymancılar zudem im Zusammenhang mit Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in die Schlagzeilen. 

So wurde beispielsweise ein Gerichtsverfahren eingeleitet, nachdem zehn Schüler, die im Schuljahr 2022/2023 im mit den Süleymancılar in Verbindung gebrachten Özel Sugözü Erkek Öğrenci Yurdu im Bezirk Alanya in Antalya untergebracht waren, Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs erhoben hatten. 

Auch im Tätigkeitsbericht der Rechtsanwaltskammer Antalya werden im Zusammenhang mit diesem Wohnheim Strafanzeigen und Ermittlungsverfahren thematisiert, bei denen es um die Kontroll- und Aufsichtspflichten staatlicher Stellen geht. 

Hier ist eine wichtige journalistische Unterscheidung erforderlich: 

Dass in einem Wohnheim eine Missbrauchstat begangen wurde, bedeutet nicht automatisch, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft, mit der das Wohnheim verbunden ist, dafür verantwortlich oder schuldig sind. 

Die entscheidenden Fragen lauten vielmehr: 

  • Wie konnte es zu den Vorfällen kommen?  
  • Wer waren die Verantwortlichen?  
  • Was wussten die Betreiber und Verantwortlichen?  
  • Wurden Beschwerden ernst genommen?  
  • Und: Hat die staatliche Aufsicht funktioniert? 

Von der Türkei nach Europa: Das zweitwichtigste Tätigkeitsfeld der Süleymancılar 

Die Süleymancı-Strukturen blieben nicht auf die Türkei beschränkt. 

Insbesondere Deutschland entwickelte sich zu einem der wichtigsten Auslandszentren der Gemeinschaft. 

Die bedeutendste institutionelle Organisation in diesem Bereich ist der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). 

Nach eigenen Angaben wurde der VIKZ 1973 in Köln gegründet. Ziel der Gründung war es, auf die religiösen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der muslimischen Arbeiter einzugehen, die damals nach Deutschland kamen. 

Heute gibt der VIKZ an, über rund 300 unabhängige Moschee- und Bildungsvereine zu verfügen. Die Organisation ist zudem in neun Landesverbänden strukturiert. 

In seiner eigenen Darstellung der Verbandsgeschichte weist der VIKZ ausdrücklich darauf hin, dass Schüler von Süleyman Hilmi Tunahan am Aufbauprozess beteiligt waren. 

Daher lässt sich die historische Verbindung zwischen dem VIKZ in Deutschland und den Süleymancı-Strukturen in der Türkei nicht ignorieren. 

Gleichzeitig agiert der VIKZ rechtlich unabhängig als islamische Religionsgemeinschaft in Deutschland und bezeichnet sich selbst als überparteiliche Organisation. 

Wie groß ist der VIKZ heute? 

Nach eigenen Angaben verfügt der VIKZ in Deutschland über rund 300 Moschee- und Bildungsvereine. 

Der Verband erklärt, dass seine Finanzierung durch Mitgliedsbeiträge und Spenden erfolgt. Außerdem gibt er an, bereits seit den 1980er-Jahren in Deutschland Imame auszubilden. 

Das 50-jährige Bestehen des VIKZ wurde 2023 in Köln gefeiert. An der Veranstaltung nahm auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teil. 

Dieses Detail ist wichtig. 

Denn die Strukturen der Süleymancılar in Deutschland lediglich als „Auslandsableger der türkischen Gemeinschaft“ zu betrachten, greift möglicherweise zu kurz. 

Ein halbes Jahrhundert Erfahrung in Deutschland hat inzwischen auch eine eigenständige institutionelle Struktur hervorgebracht. 

Wirtschaft: Wie entwickelte sich die Gemeinschaft zu einem wirtschaftlichen Netzwerk? 

Dass die Süleymancılar nicht ausschließlich eine Gemeinschaft religiöser Bildung sind, ist seit Langem bekannt. 

Neben Wohnheimen und Korankursen entstanden im Laufe der Zeit Strukturen mit Verbindungen zu wirtschaftlichen Aktivitäten in Bereichen wie: 

  • Bauwesen,  
  • Immobilien,  
  • Bildung,  
  • Tourismus,  
  • Textilien,  
  • Lebensmittel und  
  • Gesundheitswesen.  

Bei der Bewertung des wirtschaftlichen Wachstums religiöser Gemeinschaften muss an dieser Stelle zwischen zwei unterschiedlichen Dingen unterschieden werden: 

Erstens: Eine religiöse Gemeinschaft betreibt über Vereine, Stiftungen oder Unternehmen wirtschaftliche Aktivitäten. 

Zweitens: Diese wirtschaftlichen Aktivitäten werden mit Methoden durchgeführt, die möglicherweise Straftatbestände erfüllen. 

Die zweite Behauptung kann nur anhand konkreter Ermittlungsunterlagen und gerichtlicher Entscheidungen belegt werden. 

Genau deshalb kommt der Operation vom 13. August 2026 eine besondere Bedeutung zu. 

  1. August 2026: Die Operation gegen Alihan Kuriş

Die Staatsanwaltschaft Ankara leitete 2026 eine umfassende Untersuchung gegen die als Süleymancılar bekannte Struktur ein. 

Im Zentrum der Ermittlungen steht eine Struktur, die von den Ermittlungsbehörden als „auf Gewinn ausgerichtete kriminelle Organisation Alihan Kuriş“ bezeichnet wird. 

Bei der in 17 Provinzen durchgeführten Operation wurden gegen 49 Personen, darunter Kuriş, Haftbefehle beziehungsweise Anordnungen zur Festnahme erlassen. In der ersten Phase der Operation berichteten verschiedene Quellen von 30 bis 37 Festnahmen. Zudem wurde bekannt, dass sich einige Verdächtige im Ausland befinden. 

Durchsucht wurden 43 Adressen von Verdächtigen sowie 80 Adressen von 33 Unternehmen. Dabei wurden auch Beschlagnahmungen vorgenommen. 

Gegenstand der Ermittlungen sind unter anderem folgende Vorwürfe: 

  • Gründung und Leitung einer kriminellen Organisation,  
  • Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation,  
  • Geldwäsche beziehungsweise das Waschen von Vermögenswerten aus Straftaten,  
  • Betrug zum Schaden öffentlicher Einrichtungen,  
  • Verstöße gegen die türkische Abgaben- und Steuerverfahrensordnung.  

Dabei handelt es sich zum jetzigen Zeitpunkt um Ermittlungsvorwürfe und nicht um rechtskräftig festgestellte Straftaten. 

Der Vorwurf eines Geldflusses von 100 Milliarden Lira 

Besonders bemerkenswert an der Operation ist ihre finanzielle Dimension. 

Auf Grundlage von Angaben aus der Staatsanwaltschaft wurde berichtet, dass im Rahmen von MASAK-Prüfungen festgestellt worden sei, dass über verbundene Personen und Unternehmen mehr als 100 Milliarden türkische Lira auf verschiedene Weise ins Ausland transferiert worden seien. 

Gegenstand der Untersuchung ist unter anderem die Frage, 

  • woher das Geld stammt,  
  • wie es zwischen den Unternehmen bewegt wurde,  
  • wie Kapitalerhöhungen vorgenommen wurden,  
  • welche Rechnungen ausgestellt wurden,  
  • welche Devisentransfers stattfanden,  
  • wie steuerliche Vorgänge abgewickelt wurden und  
  • ob durch internationale Geldbewegungen eine rechtswidrige Finanzstruktur geschaffen wurde.  

Deshalb wäre es journalistisch nicht korrekt, vor Abschluss der Ermittlungen definitiv zu formulieren: „100 Milliarden Lira wurden gestohlen“ oder „100 Milliarden Lira waren Schwarzgeld“. 

Warum stehen die Unternehmen im Mittelpunkt der Ermittlungen? 

Ein bemerkenswerter Aspekt der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ist, dass nicht nur einzelne Personen, sondern auch das Unternehmensnetzwerk untersucht wird. 

Nach von T24 veröffentlichten Informationen wurden bei den finanziellen Untersuchungen 32 Unternehmen identifiziert. Berichten zufolge befinden sich darunter auch Verbindungen zu einigen bekannten Handelsmarken. 

Dies zeigt, warum die Süleymancı-Strukturen heute nicht ausschließlich unter der Kategorie „religiöse Gemeinschaft“ betrachtet werden können. 

Die Struktur verfügt über ein weitreichendes wirtschaftliches und gesellschaftliches Netzwerk, das miteinander verbunden ist: 

religiöse Aktivitäten → soziale Strukturen → Bildung → Studentenwohnheime → Handel → Immobilien 

Genau hier stellt sich die zentrale Frage der Ermittlungen: 

Welcher Teil dieses Netzwerks besteht aus normalen wirtschaftlichen Aktivitäten, welcher Teil dient der Finanzierung der Gemeinschaft und welcher Teil könnte auf rechtswidrigen Geschäften beruhen? 

Die Antwort darauf werden die Ermittlungen und letztlich die Gerichte geben. 

Das 70-Millionen-Dollar-Zentrum in Köln 

Nach der Operation geriet auch Deutschland erneut in den Fokus. 

Innenminister Mustafa Çiftçi erklärte, dass die Süleymancı-Struktur in Köln ein großes Hauptquartier mit einem Investitionsvolumen von rund 70 Millionen US-Dollar errichtet habe und plane, sämtliche Aktivitäten dorthin zu verlagern. 

Diese Aussage erklärt auch, warum Deutschland zu einem wichtigen Aspekt der Ermittlungen werden könnte. 

Denn der VIKZ verfügt in Deutschland bereits über ein Netzwerk von rund 300 Moschee- und Bildungsvereinen. 

Daher wird eine wichtige Frage der kommenden Zeit sein, ob und in welchem Umfang die finanziellen Ermittlungen in der Türkei auch auf die Strukturen im Ausland ausgeweitet werden. 

Süleymancılar und Politik: Warum wechseln sie immer wieder die politische Richtung? 

Ein Blick auf die politische Geschichte der Süleymancılar zeigt keine dauerhafte Bindung an eine einzige Partei. 

Während der Zeit von Tunahan bestand eine Nähe zur Demokrat Parti; 

unter Kemal Kaçar zu den Parteien der politischen Mitte und zur Adalet Partisi; 

unter Arif Ahmet Denizolgun zur ANAP und zur Refah Partisi; 

und nach 2000 kamen Beziehungen zu verschiedenen Parteien der politischen Mitte und zu nationalistischen Parteien hinzu. 

Wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass es insbesondere nach 2000 innerhalb der Gemeinschaft zu politischen Differenzierungen und Spaltungen kam. 

In den vergangenen Jahren erschienen zudem verschiedene Berichte und Behauptungen, wonach Süleymancılar die MHP, die İYİ Parti, Kandidaten des Millet İttifakı sowie Kandidaten der CHP unterstützt hätten. 

Es wäre jedoch nicht korrekt, all diese Entwicklungen als offizielle „Entscheidung der Gemeinschaft“ darzustellen. 

Aufgrund der eher abgeschotteten Struktur der Gemeinschaft sind öffentlich zugängliche, unabhängige und umfassende Informationen darüber, wie politische Entscheidungen getroffen werden und in welchem Umfang die Basis diesen Entscheidungen folgt, begrenzt. 

Der Tod von Arif Ahmet Denizolgun und der Konflikt innerhalb der Gemeinschaft 

Nach der Übernahme der Führung durch Alihan Kuriş kam es innerhalb der Gemeinschaft auch zu einer schweren, familiär geprägten Auseinandersetzung. 

Fatih Süleyman Denizolgun, ein Angehöriger der Familie von Arif Ahmet Denizolgun, erhob schwere Vorwürfe gegen Kuriş. 

Denizolgun machte Kuriş für den Tod seines Onkels verantwortlich und bezeichnete die Führung Kuriş’ als eine „Besetzung“ der Gemeinschaft. 

So schwerwiegend diese Vorwürfe auch sind: Es handelt sich um persönliche Anschuldigungen Denizolguns, die nicht als rechtskräftig festgestellte Tatsachen dargestellt werden können. 

2026 berichtete der Journalist Aytunç Erkin zudem, dass ein vom Büro der Staatsanwaltschaft Beykoz erstelltes Informationspapier zum Tod Denizolguns im Jahr 2016 einige Widersprüche enthalte. 

Auch hier gilt jedoch dieselbe journalistische Grundregel: 

Der Vorwurf eines „verdächtigen Todes“ ist nicht dasselbe wie ein rechtlich nachgewiesener Mord. 

Ob das Verfahren erneut aufgenommen wird und ob neue Beweise gefunden werden, muss gesondert geprüft werden. 

Die Einschätzung der Diyanet: Eine „abgeschottete Struktur“ 

Eine der bemerkenswertesten offiziellen Einschätzungen zu den Süleymancılar findet sich in Berichten aus dem Umfeld der türkischen Religionsbehörde Diyanet. 

Darin wird die Struktur als äußerst „nach innen geschlossen“ beschrieben. Gerade deshalb sei es schwierig, ihre Positionen und Ansichten von außen zuverlässig zu bestimmen. 

Dieser Punkt erklärt auch, warum die Süleymancılar in der Türkei im Vergleich zu anderen religiösen Strukturen teilweise als eine Art „unsichtbare Macht“ wahrgenommen werden. 

Denn die Organisation: 

tritt im Fernsehen kaum in Erscheinung. 

zeigt ihre Führungspersönlichkeiten nur selten öffentlich. 

veranstaltet keine großen offenen politischen Kundgebungen. 

Gleichzeitig verfügt sie über: 

ein weitreichendes soziales Netzwerk aus Studentenwohnheimen, Korankursen, Moscheen, Bildungsvereinen und wirtschaftlichen Verbindungen. 

Wollten die Süleymancılar an die Stelle der FETÖ treten? 

Diese Frage wurde insbesondere nach dem 15. Juli 2016 häufig gestellt. 

Einige politische Kreise und Forscher vertraten die Auffassung, dass das durch die Zerschlagung der FETÖ entstandene Vakuum von anderen religiösen Gemeinschaften ausgefüllt worden sei. 

Es gibt jedoch keine rechtskräftige Grundlage für die Behauptung, dass die Süleymancılar und die FETÖ dieselbe Organisation seien. 

Ebenso ist die Behauptung, „die Süleymancılar seien an die Stelle der FETÖ gesetzt worden“, eine These, die erst belegt werden müsste. 

Die entscheidende Frage dieser Untersuchung lautet daher: 

Warum wird das Verhältnis zwischen dem türkischen Staat und religiösen Gemeinschaften immer wieder neu definiert? 

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche gesellschaftliche Debatte. 

Die entscheidende Frage: Religiöse Gemeinschaft oder Wirtschaftsorganisation? 

Wenn die Süleymancılar heute ausschließlich als religiöse Gemeinschaft betrachtet werden, lässt sich die tatsächliche Größe und Reichweite der Struktur nur unzureichend erfassen. 

Im Laufe von fast einem Jahrhundert entwickelte sich daraus eine Struktur mit folgendem Aufbau: 

Koranschulunterricht 

 

Studentenwohnheime 

 

Lokale Vereine 

 

Ehemalige Schüler und Fachkräfte 

 

Geschäftswelt 

 

Immobilien und Unternehmen 

 

Strukturen im Ausland 

Genau hier liegt die eigentliche Bedeutung der Operation von 2026. 

Zum ersten Mal nimmt der Staat die wirtschaftlichen Strukturen hinter der religiösen Organisation in einem derart umfassenden Umfang unter die Lupe. 

Wie geht es jetzt weiter? 

Die Operation gegen Alihan Kuriş könnte den Beginn einer neuen Phase in der Geschichte der Süleymancılar markieren. 

Es gibt mehrere mögliche Szenarien. 

Erstes Szenario 

Die Ermittlungen könnten auf bestimmte Personen und Unternehmen beschränkt bleiben. 

In diesem Fall würde die Gemeinschaft ihre Aktivitäten in ihrer bisherigen Struktur fortsetzen. 

Zweites Szenario 

Die finanziellen Ermittlungen könnten ausgeweitet werden und weitere Maßnahmen gegen Unternehmen, Immobilien und internationale Geldtransfers nach sich ziehen. 

In diesem Fall könnte die wirtschaftliche Stärke der Gemeinschaft erheblich beeinträchtigt werden. 

Drittes Szenario 

Die Ermittlungen könnten bis zur Führungsstruktur der Gemeinschaft reichen. 

Dann könnte eine Debatte über die Zeit nach Alihan Kuriş beginnen. 

Viertes Szenario 

Die Strukturen in Deutschland könnten zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen werden. 

Dies würde insbesondere die Zukunft des Kölner VIKZ-Netzwerks auch im Hinblick auf die deutsch-türkischen Beziehungen bedeutsamer machen. 

Fazit: Um die Süleymancılar zu verstehen, reicht ein Blick auf die Gegenwart nicht aus 

Die Süleymancılar blicken auf eine Geschichte von nahezu einem Jahrhundert zurück. 

Die von Süleyman Hilmi Tunahan, der in der Spätphase des Osmanischen Reiches ausgebildet wurde, begründete Bewegung religiöser Bildung wurde während der Repressionen in der frühen Republik in den Untergrund gedrängt. 

Während der Zeit der Demokrat Parti trat sie wieder stärker öffentlich in Erscheinung. 

In den 1960er- und 1970er-Jahren wuchs sie über Korankurse und Studentenwohnheime. 

Unter Kemal Kaçar entstanden enge Beziehungen zu den Parteien der politischen Mitte. 

Unter Arif Ahmet Denizolgun verbanden sich die Führung der Gemeinschaft und aktive Politik noch unmittelbarer. 

Unter Alihan Kuriş entwickelte sich schließlich eine stärker abgeschottete, institutionalisierte Struktur mit einem deutlich erweiterten wirtschaftlichen Netzwerk. 

Heute sind die Süleymancılar nicht nur in der Türkei, sondern insbesondere in Deutschland und weiteren europäischen Ländern als großes religiöses und soziales Netzwerk aktiv. 

Dass der VIKZ nach eigenen Angaben in Deutschland über rund 300 Moschee- und Bildungsvereine verfügt, ist eines der konkretesten Beispiele dafür. 

Und nun könnte die in der Türkei gegen 49 Personen geführte Untersuchung einen der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte dieser rund hundert Jahre alten Struktur darstellen. 

Doch eines steht zum jetzigen Zeitpunkt fest: 

Alihan Kuriş ist nicht schuldig; er ist Beschuldigter beziehungsweise Verdächtiger in einem laufenden Ermittlungsverfahren. 

Auch die Süleymancılar sind rechtlich keine als „kriminelle Organisation“ eingestufte religiöse Gemeinschaft. 

Es gibt derzeit ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren, MASAK-Prüfungen und schwerwiegende Vorwürfe im Zusammenhang mit finanziellen Transaktionen. 

Welche dieser Vorgänge strafrechtlich relevant sind, welche auf legalen wirtschaftlichen Aktivitäten beruhen und welche möglicherweise der internen Finanzierung der Gemeinschaft dienen, wird letztlich erst das weitere Ermittlungs- und Gerichtsverfahren klären. 

Deshalb lautet die entscheidende Frage über die Süleymancılar vielleicht nicht: „Sind sie gut oder schlecht?“ 

Sondern: 

Wenn eine religiöse Struktur, ein Bildungsnetzwerk, ein soziales Umfeld und wirtschaftliche Aktivitäten in Milliardenhöhe innerhalb desselben organisatorischen Netzwerks zusammenkommen – wo müssen in einem demokratischen Rechtsstaat die Grenzen und die staatliche Kontrolle beginnen? 

Die Operation gegen Alihan Kuriş stellt die Türkei erneut vor genau diese Frage. 


Der-Virgül-Recherchenotiz 

Die in dieser Recherche verwendete Bezeichnung „Süleymancılar“ ist die im öffentlichen Sprachgebrauch verbreitete Bezeichnung für die Gemeinschaft. Organisationen wie der VIKZ bezeichnen sich selbst hingegen nicht unter diesem Namen, sondern verweisen auf die Schüler Süleyman Hilmi Tunahans beziehungsweise auf islamische Kulturzentren. 

Die im Zusammenhang mit der Operation erhobenen Vorwürfe sind keine rechtskräftigen Gerichtsurteile. Deshalb wurden im Text bewusst Begriffe wie „Vorwurf“, „Ermittlungsverfahren“, „Angaben der Staatsanwaltschaft“ und „MASAK-Prüfung“ beibehalten. 

Insbesondere bei den Angaben zu 100 Milliarden türkischen Lira, zum Tod von Arif Ahmet Denizolgun und zu den politischen Präferenzen der Gemeinschaft sollte möglichst auf offizielle Dokumente, wissenschaftliche Arbeiten und Stellungnahmen der jeweils betroffenen Seite zurückgegriffen werden, statt sich auf Beiträge in sozialen Medien oder einseitige Behauptungen zu stützen.| ©DerVrgül  

Yayınlama: 14.08.2026
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