Die Geschichte der türkischstämmigen Zivilgesellschaft in Österreich

Die Geschichte der türkischstämmigen Zivilgesellschaft in Österreich

| Adem Hüyük 

Ein erheblicher Teil der Organisationen, die von Menschen türkischer Herkunft in Österreich gegründet wurden, ist nicht aus den gesellschaftlichen Realitäten Österreichs entstanden. Vielmehr spiegeln sie politische, ideologische und religiöse Konfliktlinien wider, die aus der Türkei in den Diasporakontext übertragen und dort weitergeführt wurden.

Mehr als sechzig Jahre nach Beginn der Arbeitsmigration stellt sich deshalb eine grundlegende Frage: Warum ist es in Österreich bis heute nicht gelungen, eine unabhängige und starke zivilgesellschaftliche Vertretung aufzubauen, die die gemeinsamen Interessen der Menschen türkischer Herkunft über ideologische und religiöse Grenzen hinweg vertritt?


Nach dem Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei im Jahr 1964 kamen Zehntausende türkische Arbeitskräfte nach Österreich. Für die erste Generation standen Arbeit, Sparen und die Hoffnung auf eine spätere Rückkehr im Vordergrund. Die ersten Vereine dienten vor allem der gegenseitigen Unterstützung, der Pflege regionaler Herkunftsnetzwerke und der Erfüllung religiöser Bedürfnisse. 

Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass die Migration dauerhaft sein würde. Parallel dazu veränderte sich auch die Rolle der Vereine. 

Heute existieren in Österreich Hunderte von Organisationen türkischer Herkunft. Betrachtet man ihre Entwicklung, fällt ein gemeinsames Merkmal auf: Ein großer Teil dieser Organisationen entstand nicht aus den gesellschaftlichen Herausforderungen Österreichs. Ihre ideologischen Wurzeln, politischen Bezugspunkte und weltanschaulichen Orientierungsmuster wurden überwiegend aus der Türkei übernommen. 

Viele Arbeitsmigranten suchten zunächst nach Gemeinschaft und Orientierung. Sie fanden diese in landsmannschaftlichen, religiösen oder kulturellen Vereinigungen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus jedoch zunehmend ideologische, ethnische und konfessionelle Organisationsformen. 

Jeder Verein bot seinen Mitgliedern Identität und Zugehörigkeit. Gleichzeitig führte diese Entwicklung dazu, dass sich die einzelnen Gruppen immer stärker voneinander abgrenzten. 

Heute findet sich in Österreich nahezu jede bedeutende politische oder religiöse Strömung der Türkei in Form eines Vereins oder Dachverbandes wieder. Die organisatorischen Strukturen, die seit den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden, orientierten sich weitgehend an politischen Entwicklungen in der Türkei und weniger an den gesellschaftlichen Herausforderungen des Lebens in Österreich. 

Eine Zivilgesellschaft entstand – aber sie wurde nicht österreichisch 

Von einer migrantischen Zivilgesellschaft wird grundsätzlich erwartet, dass sie Antworten auf die Probleme des Landes entwickelt, in dem ihre Mitglieder leben. 

Bildung. 

Sprache. 

Arbeitsmarkt. 

Wohnraum. 

Diskriminierung. 

Die Zukunft der jungen Generation. 

Politische Teilhabe auf kommunaler und nationaler Ebene. 

Ein erheblicher Teil der türkischstämmigen Organisationen in Österreich richtete seinen Blick jedoch über Jahrzehnte hinweg vor allem auf die politischen Konflikte der Türkei. 

Links gegen rechts. 

Aleviten gegen Sunniten. 

Nationalisten gegen Sozialisten. 

Milli Görüş. 

Diyanet. 

Nur-Bewegung. 

Süleymancı-Gemeinschaft. 

Die Gülen-Bewegung. 

AKP. 

CHP. 

MHP. 

Nahezu jede politische oder religiöse Strömung der Türkei fand auch in Österreich ihre organisatorische Entsprechung. 

Die Herausforderungen Österreichs rückten in den Hintergrund 

Als Folge dieser Entwicklung gelang es nur selten, gemeinsame Positionen zu den zentralen Anliegen der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich zu entwickeln. 

Staatsbürgerschaft. 

Doppelte Staatsbürgerschaft. 

Bildung. 

Islamgesetz. 

Diskriminierung. 

Arbeitsmarkt. 

Wohnungsfrage. 

Sprachpolitik. 

Für diese gemeinsamen Interessen entstand bis heute keine dauerhaft anerkannte und alle Strömungen umfassende Vertretung. 

Auch der österreichische Staat nahm diese Entwicklung wahr 

Die zunehmende Fragmentierung wirkte sich nicht nur auf die migrantische Gemeinschaft selbst aus. 

Auch staatliche Institutionen beobachteten diese Entwicklungen aufmerksam. 

Der Einfluss ausländischer Staaten. 

Die Finanzierung von Imamen. 

Die finanzielle Transparenz von Vereinen. 

Debatten über politischen Islam. 

Die Islam-Landkarte. 

Die Dokumentationsstelle Politischer Islam. 

All diese Diskussionen wurden nicht ausschließlich von Sicherheitsfragen bestimmt. Ebenso spielte der transnationale Charakter vieler Diasporaorganisationen eine wichtige Rolle. 

Eine neue Generation – und eine neue Chance 

Heute wächst bereits die dritte und vierte Generation heran. 

Sie kennt Wien oft besser als Ankara. 

Sie verfolgt die Politik in der Türkei über soziale Medien, gestaltet ihr eigenes Leben jedoch in Österreich. 

Vielleicht braucht diese Generation nicht noch mehr Vereine. 

Vielleicht braucht sie ein neues Verständnis von Zivilgesellschaft. 

Eine Zivilgesellschaft, die sich nicht als Verlängerung politischer Entwicklungen in der Türkei versteht. 

Eine Zivilgesellschaft, die ihre Orientierung an den gesellschaftlichen Realitäten Österreichs findet. 

Eine Zivilgesellschaft, die Menschen unterschiedlicher politischer und religiöser Überzeugungen an einen Tisch bringt. 

Und eine Zivilgesellschaft, die Menschen türkischer Herkunft nicht in erster Linie über ihre ideologischen Identitäten definiert, sondern als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger der österreichischen Gesellschaft.| ©DerVirgül  

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