Warum wird Österreich inzwischen zeitweise wärmer als viele Regionen der Türkei?
Recherche | Adem Hüyük
In diesem Sommer sorgten außergewöhnliche Hitzewellen dafür, dass Österreich zeitweise höhere Temperaturen verzeichnete als viele Regionen der Türkei. In Wien wurde mit 40,8 Grad Celsius ein neuer Temperaturrekord gemessen – höher als die Höchstwerte, die am selben Tag in weiten Teilen der Marmara-Region, der Schwarzmeerregion und Zentralanatoliens registriert wurden.
Dies gilt jedoch keineswegs für die gesamte Türkei. In den Mittelmeerregionen, den inneren Teilen der Ägäis sowie in Südostanatolien liegen die Sommertemperaturen nach wie vor deutlich über jenen Österreichs. Dennoch zeigt die Tatsache, dass Österreich als mitteleuropäisches Land an manchen Tagen wärmer ist als zahlreiche türkische Städte, wie deutlich die Folgen des Klimawandels inzwischen spürbar geworden sind.
Österreichs Sommer sind nicht mehr wie früher
Die durchschnittlichen Sommertemperaturen (Juni, Juli und August) variieren in Österreich je nach Region und Höhenlage. In den tiefer gelegenen Gebieten sowie insbesondere im Osten des Landes – etwa in Wien – liegen die Durchschnittswerte gewöhnlich zwischen 20 und 26 Grad, während sie in alpinen Regionen deutlich niedriger ausfallen.
In den vergangenen drei Jahrzehnten ist jedoch ein klarer Temperaturanstieg zu beobachten. Besonders seit den 2000er-Jahren haben sowohl die Zahl der Hitzewellen als auch die Anzahl der Rekordtemperaturen deutlich zugenommen.
Nach Angaben der GeoSphere Austria war das Jahr 2024 das wärmste Jahr der 257-jährigen Messgeschichte Österreichs.
Der Klimatologe Alexander Orlik erklärte, dass die Temperaturen 2024 sowohl im Tiefland als auch in den Gebirgsregionen durchschnittlich 1,8 Grad über dem Mittel der Referenzperiode 1991–2020 lagen. Damit war 2024 sowohl im Flachland als auch in den Alpen das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Auch ein Blick auf die Liste der 25 wärmsten Jahre zeigt einen eindeutigen Trend: Fast alle Spitzenplätze werden von Jahren seit Beginn des 21. Jahrhunderts eingenommen. Für Experten ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich Österreichs Klima nachhaltig verändert.
Mehrere Ursachen für die steigenden Temperaturen
Nach Ansicht von Fachleuten gibt es nicht nur einen einzelnen Grund für die zunehmenden Hitzewellen. Der Klimawandel, lang anhaltende Trockenperioden, die rasche Erwärmung der Alpen sowie stabile Hochdruckgebiete verstärken sich gegenseitig.
Die Alpen zählen zu den Regionen Europas, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Die Schneedecke wird jedes Jahr früher dünner oder verschwindet vollständig. Dadurch absorbiert der Boden mehr Sonnenenergie, was die Erwärmung zusätzlich beschleunigt.
Trockenheit verstärkt die Hitze
Auch die anhaltende Trockenheit spielte in diesem Sommer eine entscheidende Rolle.
Normalerweise sorgt die Verdunstung von Bodenfeuchtigkeit für eine natürliche Abkühlung der Luft. Trocknet der Boden jedoch aus, fällt dieser kühlende Effekt weitgehend weg. Die Sonnenenergie erwärmt dann direkt den Boden und die Luft, wodurch die Temperaturen noch weiter ansteigen.
Saharaluft und der „Heat Dome“
Meteorologen weisen außerdem darauf hin, dass heiße Luftmassen aus Nordafrika gemeinsam mit lang anhaltenden Hochdruckgebieten einen sogenannten „Heat Dome“ (Hitzekuppel) bilden.
Dieses Wettersystem verhindert die Bildung von Wolken und ermöglicht es der Sonne, den Boden über mehrere Tage hinweg ununterbrochen aufzuheizen. Ähnliche Wetterlagen waren in den vergangenen Jahren für zahlreiche extreme Hitzewellen in Europa verantwortlich.
Der Effekt der Großstadt Wien
In Ballungsräumen kommt zusätzlich der sogenannte städtische Wärmeinseleffekt zum Tragen.
Beton, Asphalt und Gebäude speichern tagsüber große Mengen Wärme und geben diese auch während der Nacht wieder ab. Deshalb liegen die Temperaturen in Städten wie Wien häufig um mehrere Grad über jenen des Umlandes.
45 Grad sind nicht mehr ausgeschlossen
Nach Einschätzung von Meteorologen werden Hitzewellen infolge des Klimawandels künftig häufiger und intensiver auftreten.
Temperaturen von über 40 Grad, die vor wenigen Jahren noch als außergewöhnlich galten, treten inzwischen immer öfter auf.
Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnten Temperaturen von bis zu 45 Grad künftig auch in Österreich nicht mehr ausgeschlossen werden. | © DerVirgül