Auswendiglern-Staatsbürgerschaft und jene, die sie stillschweigend akzeptieren
Seit Jahren wird der Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft mit dem Begriff der „Integration“ legitimiert. Die Realität zeigt jedoch zunehmend, dass sich dieses Konzept von einem Integrationsprogramm zu einem Mechanismus des Auswendiglernens, der Selektion und der vorgegebenen Wissensvermittlung entwickelt hat.
Von Staatsbürgerschaftswerberinnen und -werbern werden heute nicht mehr nur grundlegende Sprachkenntnisse oder die Anpassung an den Alltag verlangt. Gefordert wird vielmehr ein umfangreiches historisches und politisches Wissen.
Die gesellschaftlichen Hintergründe der Revolution von 1848, die sozialen Folgen der Industriellen Revolution, die Ordnung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie von 1867, die Entstehung der Ersten Republik nach 1918 oder der Zusammenbruch der Habsburgermonarchie – all diese Themen werden mittels Multiple-Choice-Fragen abgeprüft. Hinzu kommen Fragen zur NS-Zeit, zu Konzentrationslagern und zu historischen Wendepunkten des Staates.
Auf dem Papier soll dadurch ein „bewusster Staatsbürger“ entstehen. In der Praxis entsteht jedoch etwas anderes: nicht ein Mensch, der Geschichte versteht, sondern einer, der sie auswendig lernt.
Ich habe diese Diskussion nicht als außenstehender Beobachter verfolgt, sondern selbst erlebt. Bei einer Veranstaltung stellte ich direkt die Frage nach Sinn und Zweck dieser Staatsbürgerschaftstests. Im Kern ging es darum, ob ein derart umfangreiches historisches Wissen tatsächlich Integration misst oder lediglich die Fähigkeit zum Auswendiglernen.
Vor allem stellte ich folgende Frage: Zeigt das Auswendiglernen der Revolution von 1848 wirklich, dass jemand in die heutige Gesellschaft integriert ist?
Oder bedeutet das richtige Ankreuzen der Folgen der Industriellen Revolution tatsächlich, dass jemand gesellschaftliches Bewusstsein entwickelt hat?
Bemerkenswert war weniger die Reaktion auf meine Frage als die kurze, aber spürbare Stille im Saal. Diese Stille zeigte, wie direkt die Frage einen wunden Punkt traf. Denn es ging nicht um Wissen an sich, sondern darum, was aus Wissen gemacht wird.
Eine der Personen, die diese Diskussion in die Öffentlichkeit getragen haben, ist Berivan Aslan. Ihre Kritik an den Staatsbürgerschafts- und Integrationsverfahren hat die Frage erneut aufgeworfen, ob dieses System tatsächlich Wissen misst. Denn mittlerweile geht es nicht mehr nur darum, was Migrantinnen und Migranten wissen, sondern auch darum, was das System überhaupt als „Wissen“ definiert.
Besonders aufschlussreich wurde es, als die ehemalige Grünen-Politikerin Berivan Aslan dieselben Fragen, die Migranten gestellt werden, FPÖ-Abgeordneten vorlegte, die sich besonders vehement gegen Einbürgerungen aussprechen. Das Ergebnis war bemerkenswert.
Dieselbe Logik des Auswendiglernens begegnet uns nicht nur im Bereich der Staatsbürgerschaft, sondern auch in anderen Bereichen.
Ein besonders anschauliches Beispiel waren die über viele Jahre angebotenen Führerscheinprüfungen in türkischer Sprache.
Die Verkehrsregeln wurden theoretisch detailliert vermittelt, und die Kandidaten bestanden die Prüfungen erfolgreich. Gleichzeitig führte die Verpflichtung, Prüfungen ausschließlich auf Deutsch abzulegen, für manche Bewerber dazu, dass Wissen von der tatsächlichen Verkehrspraxis abgekoppelt und auf reines Auswendiglernen reduziert wurde.
Ein ähnliches Problem zeigt sich auch im Staatsbürgerschaftssystem. Wenn historische und politische Fakten keinen Bezug zum alltäglichen Leben herstellen, entsteht kein gesellschaftliches Bewusstsein, sondern lediglich Prüfungserfolg. Das System produziert dann nicht den „verstehenden Bürger“, sondern den „richtige Antworten gebenden Kandidaten“.
Dieselbe Logik zeigte sich auch bei den Führerscheinprüfungen: Wenn der Unterschied zwischen dem Wissen einer Regel und ihrer praktischen Anwendung ignoriert wird, entsteht nicht mehr Sicherheit, sondern lediglich Erfolg auf dem Papier.
Was bedeutet Zugehörigkeit zu einem Land? Reicht es aus, die Geschichte eines Landes in Multiple-Choice-Fragen korrekt anzukreuzen, oder geht es darum, dieses Land tatsächlich zu leben und zu verstehen?
Bei einem Gespräch mit Dominik Nepp, dem Wiener FPÖ-Landesparteiobmann, im Wiener Rathaus brachte ich einen konkreten Vorschlag ein.
Ich schlug vor, dass Personen, die die Führerscheinprüfung auf Türkisch ablegen möchten, einen offiziellen Nachweis über Deutschkenntnisse auf A2-Niveau erbringen sollten. Wer diesen Nachweis vorlegt, sollte weiterhin die Möglichkeit haben, die theoretische Prüfung auf Türkisch abzulegen.
Meine Begründung war einfach: Einerseits würde dadurch das Erlernen der deutschen Sprache gefördert, andererseits könnten Verkehrsregeln in jener Sprache gelernt werden, die die Kandidaten am besten verstehen. Das würde letztlich zu mehr Verkehrssicherheit beitragen.
Als dieser Vorschlag an Dominik Nepp gerichtet wurde, entstand zunächst eine kurze Pause.
Eine Antwort blieb jedoch aus.
Die Stille im Raum machte deutlich, dass die eigentliche Herausforderung nicht die Frage selbst war, sondern die grundsätzliche Debatte, auf die sie verwies.
Bei vielen Veranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe, ist mir eines aufgefallen: Nicht nur Fragen sprechen, sondern auch das Schweigen.
Gerade die kurzen Momente des Zögerns bei Vorschlägen und Kritik spiegeln oft das gesamte System wider.
Staatsbürgerschaftsverfahren, Führerscheinprüfungen und ähnliche Prozesse wirken von außen betrachtet technisch und bürokratisch. Von innen betrachtet wird jedoch deutlich: Diese Systeme messen nicht Wissen, sie testen nicht Integration – sie verwalten Auswendiglernen.
Und vielleicht liegt genau darin die zentrale Wahrheit:
Je mehr Auswendiglernen verlangt wird, desto weniger entsteht echtes Bewusstsein. Es entstehen Menschen, die Prüfungen bestehen, aber nicht unbedingt verstehen, was hinter den Antworten steht.
Dabei muss betont werden, dass diese Kritik keine einseitige Betrachtung eines Systems ist.
Auch auf unserer eigenen Seite gibt es ähnliche Defizite, ähnliche Formen des Auswendiglernens und ähnliche oberflächliche Herangehensweisen.
Wenn Wissen nicht dazu dient, Verständnis zu entwickeln, sondern lediglich dazu, Hindernisse zu überwinden, reproduzieren wir am Ende genau jene Mechanismen, die wir kritisieren.
Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht nur, welches System richtig oder falsch ist. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie gehen wir selbst mit Wissen um, und was machen wir daraus?
Tatsächlich begegnet man auch in Teilen migrantischer Gemeinschaften einer Haltung, die man so zusammenfassen könnte:
„Solange man mich in Ruhe lässt und ich die Hürde überwinde, lerne ich eben auswendig.“
Diese Haltung richtet sich weniger auf Verständnis als auf das Bestehen von Prüfungen, weniger auf das Verinnerlichen von Regeln als auf das Überwinden von Hindernissen. |© DerVirgül