Religionsfreiheit bedeutet auch die Freiheit, nicht zu glauben
„Es ist völlig selbstverständlich, dass ein nichtgläubiger Mensch heilige Schriften hinterfragt, solange er dabei weder beleidigt noch zu Hass aufruft. Denn das Recht zu hinterfragen ist ein untrennbarer Bestandteil der Freiheit, nicht zu glauben. Wenn auch ein Mensch, der eine Überzeugung nicht für heilig hält, sie nicht mehr infrage stellen darf, dann verschwindet der grundlegende Unterschied zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Der Gläubige hat das Recht, seinen Glauben zu bewahren; der Nichtgläubige hat das Recht, ihn zu hinterfragen. Demokratische Gesellschaften sind nur so stark, wie sie beide Freiheiten zugleich schützen.“
Ich bin nicht verpflichtet, deinen Glauben zu teilen. Ich bin auch nicht verpflichtet, ihn zu respektieren. Aber ich bin verpflichtet, dich als Menschen zu respektieren. Denn Religionen, Ideologien und Überzeugungen dürfen diskutiert und kritisiert werden – die Würde des Menschen hingegen ist unantastbar. Wenn du jedoch verlangst, dass dein Glaube von allen ungefragt akzeptiert oder in gleicher Weise respektiert wird, überschreitest du die Grenzen der Gedankenfreiheit. So wie der Glaube geschützt ist, müssen auch das Recht, nicht zu glauben, und das Recht, Fragen zu stellen, geschützt sein.
Wenn deine Religion sagt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“, wie lässt sich dann der Versuch rechtfertigen, andere wegen ihrer Überzeugungen zum Schweigen zu bringen? Steht eine solche Haltung nicht im Widerspruch zu diesem Grundsatz? Freiheit bedeutet nicht nur, den eigenen Glauben leben zu dürfen, sondern auch anzuerkennen, dass andere glauben, nicht glauben oder den Glauben hinterfragen dürfen.
Nach islamischem Verständnis haben Christen und Juden die ursprüngliche Offenbarung nicht unverändert bewahrt; mit dem Islam gilt die göttliche Offenbarung als vollendet. Deshalb vertreten viele islamische Auslegungen die Auffassung, dass das Heil letztlich im Islam liegt.
Doch die Auseinandersetzungen finden nicht nur zwischen verschiedenen Religionen statt. Auch innerhalb der islamischen Welt kritisieren sich unterschiedliche Rechtsschulen, Konfessionen und Strömungen gegenseitig und beanspruchen mitunter, den „wahren Islam“ zu vertreten. Ähnliche Entwicklungen lassen sich – in unterschiedlicher Ausprägung – auch in anderen Religionen beobachten.
Das erinnert uns an eine grundlegende Tatsache: Nahezu jede Glaubenstradition erhebt einen Wahrheitsanspruch. Gerade deshalb besteht die Aufgabe eines demokratischen Staates nicht darin, zu entscheiden, welche Religion die wahre ist. Seine Aufgabe ist es vielmehr, die Freiheit jedes Menschen zu schützen, zu glauben, nicht zu glauben, die Religion zu wechseln und religiöse Überzeugungen zu kritisieren.
Jeder darf seine eigene Überzeugung für die Wahrheit halten. Niemand jedoch kann verlangen, dass diese Wahrheit für alle unantastbar sein muss.
Die Vielfalt zeigt sich zudem nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch innerhalb derselben Religion. Die religiösen Traditionen in der arabischen Welt, in Anatolien, auf dem Balkan, in Afrika oder in Asien unterscheiden sich aufgrund historischer, kultureller und konfessioneller Entwicklungen zum Teil erheblich. Verschiedene religiöse Gemeinschaften betrachten ihre eigene Auslegung oft als die authentischste Form des Islam und kritisieren andere Interpretationen.
Diese Unterschiede machen deutlich: Religionen sind keine starren und unveränderlichen Gebilde. Sie entwickeln unterschiedliche Auslegungen unter dem Einfluss von Geschichte, Kultur und Gesellschaft. Gerade deshalb gehört es zu den Grundprinzipien einer pluralistischen Gesellschaft, auch das Recht anderer anzuerkennen, anders zu denken und Fragen zu stellen.
Eine Religion, die seit Jahrhunderten interne Debatten zwischen unterschiedlichen Konfessionen, Rechtsschulen und Auslegungen kennt, kann einem Menschen, der nicht an sie glaubt, nicht verbieten, über ihre heiligen Schriften zu sprechen, sie zu hinterfragen oder zu interpretieren.
Für jemanden, der einen Glauben nicht teilt, ist eine heilige Schrift ein Text, der – wie jede andere Idee – gelesen, interpretiert und kritisiert werden kann. Was für den Gläubigen heilig ist, kann für den Nichtgläubigen Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung sein. In einer demokratischen Gesellschaft geht es nicht darum, Heiliges vor Kritik zu schützen, sondern sicherzustellen, dass Kritik nicht in Beleidigung oder Hassrede umschlägt.
Das Recht des Gläubigen zu glauben ist ebenso unverzichtbar wie das Recht des Nichtgläubigen, Fragen zu stellen. Freiheit bedeutet nicht nur, die eigene Meinung äußern zu dürfen, sondern auch zu akzeptieren, dass andere das Recht haben, das infrage zu stellen, was man selbst für heilig hält.
Letztlich geht es nicht darum, ob etwas heilig ist oder nicht. Es geht um die Grenzen der Freiheit. Ein Mensch darf glauben, ein anderer darf denselben Glauben ablehnen, ein Dritter darf ihn hinterfragen. Es ist nicht Aufgabe des Rechtsstaates, eine dieser Positionen zur einzig richtigen zu erklären. Seine Aufgabe besteht darin, den Raum zu schützen, in dem all diese Überzeugungen friedlich geäußert werden können.
Denn Freiheit gilt nicht nur für Gedanken, die wir begrüßen, sondern gerade auch für jene, die uns irritieren oder herausfordern. In dem Moment, in dem eine Idee jeder Kritik entzogen wird, endet die freie Debatte. Demokratische Gesellschaften bestehen nicht fort, weil sie Heiliges schützen, sondern weil sie die Rechte der Menschen schützen.