Das großartige Imperium im Gedächtnis der Türken – Das Türkenbild im kollektiven Gedächtnis der Österreicher
| Adem Hüyük
„Vielleicht liegt ein Teil der Distanz zwischen Türken und Österreichern nicht in der aktuellen Politik, sondern im historischen Gedächtnis, das beide Gesellschaften voneinander geerbt haben. Auf der einen Seite stehen die Kränkungen, die durch Migrationserfahrungen und das Gefühl der Ausgrenzung entstanden sind, auf der anderen Seite die Spuren jahrhundertealter Geschichten über die Türken.“
Wien, das historisch zweimal von osmanischen Heeren belagert wurde, hat bis heute für Türken und Österreicher eine völlig unterschiedliche Bedeutung. Für viele Türken gilt Wien als eines der letzten großen Ziele, das das Osmanische Reich nie erreichen konnte. Für Österreicher hingegen steht die Stadt für einen historischen Wendepunkt, an dem Europa und das Christentum verteidigt wurden.
Türkensagen in der Steiermark
Während meiner sechs Jahre in Graz hatte ich die Gelegenheit, viele Familien im ländlichen Raum der Steiermark kennenzulernen. Besonders überrascht hat mich die Erzählung einiger älterer Menschen, dass sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern mit den Worten „Wenn du nicht brav bist, geben wir dich den Türken“ eingeschüchtert wurden.
Ähnlich wie in der Türkei Kinder gelegentlich mit der Polizei oder dem Nachtwächter erschreckt werden, war die Figur des Türken hier offenbar über Generationen hinweg ein Symbol der Angst. Natürlich gilt dies nicht für alle Österreicher. Dennoch zeigt dieses Beispiel eindrucksvoll, wie historisches Gedächtnis über Generationen weitergegeben werden kann.
Die Steiermark gehörte zu jenen Regionen, die bereits im 15. Jahrhundert von osmanischen Einfällen betroffen waren. Diese Begegnungen blieben nicht nur in historischen Quellen erhalten, sondern lebten auch in Volkserzählungen und Sagen weiter. Im Laufe der Zeit wurden Türken in manchen Geschichten als „grausame Eindringlinge“ dargestellt, während die einheimische Bevölkerung als mutige und aufopferungsvolle Helden erschien.
Forscher weisen darauf hin, dass viele dieser Erzählungen eine Mischung aus tatsächlichen historischen Ereignissen und später hinzugefügten Legenden sind. Dennoch haben diese Sagen das Türkenbild in Teilen Österreichs nachhaltig geprägt.
Die zwei Bedeutungen Wiens
So wie die Türkensagen der Steiermark ein bestimmtes Bild von den Türken im österreichischen Gedächtnis geschaffen haben, haben die Erzählungen rund um die Wiener Belagerungen in der Türkei Österreich und Europa zu einem symbolischen Gegenüber gemacht.
Noch heute wird Wien in manchen Kreisen als unerreichtes historisches Ziel oder als Symbol osmanischer Größe betrachtet. Dadurch betrachten beide Gesellschaften einander oft weniger durch die Realität der Gegenwart als durch Geschichten und Erinnerungen aus der Vergangenheit.
Leben im Schatten der Geschichte
Die Zweite Wiener Türkenbelagerung von 1683 war sowohl für die Geschichte des Osmanischen Reiches als auch für die der Habsburger ein bedeutender Wendepunkt. In der österreichischen Geschichtsschreibung wird dieses Ereignis als große Verteidigungs- und Befreiungsgeschichte erzählt, während es in der osmanischen Erinnerung häufig als Symbol eines militärischen Niedergangs gilt.
Obwohl mehr als drei Jahrhunderte vergangen sind, sind die Spuren dieses Ereignisses nicht vollständig verschwunden. Auf der einen Seite steht ein historisches Bewusstsein, das davon erzählt, wie die Vorfahren bis vor die Tore Wiens gelangten. Auf der anderen Seite existiert ein kollektives Gedächtnis, das dasselbe Ereignis als Invasionsversuch erinnert.
Der Dialog mit Österreichern ist schwierig – mit uns aber auch
Doch die heutigen Probleme lassen sich nicht allein durch historische Erinnerungen erklären. Die Gegenwart ist mindestens ebenso prägend wie die Vergangenheit.
Österreich tat sich lange schwer damit, sich selbst als Einwanderungsland zu verstehen. Gleichzeitig sahen sich Menschen türkischer Herkunft mit Herausforderungen in den Bereichen Integration, Bildung und politische Partizipation konfrontiert. Trotz mancher Fortschritte fällt es beiden Seiten bis heute schwer, bestehende Vorurteile vollständig abzubauen.
Die Bevölkerung mit türkischen Wurzeln in Österreich ist heute äußerst heterogen. Unterschiede zeigen sich in Bildungsniveau, politischer Beteiligung, Sprachkenntnissen und gesellschaftlicher Integration. Dennoch stehen sowohl historische Stereotype der Österreicher gegenüber Türken als auch Vorurteile vieler Türken gegenüber Österreich einer unbelasteten Begegnung oftmals im Weg.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, einander nicht länger durch die Schatten der Geschichte zu betrachten, sondern durch die Realität der Gegenwart.| ©DerVirgül