Die Straße derer, die nirgendwo hingehen
Etwas zu definieren reicht nicht immer aus, um es zu verstehen. Manchmal muss man es an seinen Platz setzen, es einordnen. Erst dann können wir unsere Irrtümer und die Überzeugungen hinterfragen, die wir für selbstverständlich halten.
Nicht eindeutig definiert zu sein, gehört zu den größten Unsicherheiten, in die eine Gesellschaft geraten kann.
Es ist wie der Unterschied zwischen einem Bach und einem Fluss – eine Grenze, die sich nicht klar ziehen lässt. Ein türkischer Çay ist größer als ein Bach, kleiner als ein Fluss und gewinnt seine Bedeutung durch seine Funktion. Er ist eine Zwischenform. Doch macht ihn seine Größe automatisch zu etwas anderem? Ich glaube nicht.
Gewässer werden nicht allein nach ihrer Größe klassifiziert. Entscheidend sind auch ihre Schiffbarkeit, ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihre ökologischen Eigenschaften. Für Gesellschaften gilt nichts anderes. Nicht die Anzahl macht sichtbar, sondern der Einfluss.
Regen, Quellen und Schmelzwasser finden am Ende immer ihren Weg in einen See oder ins Meer. Die Reise beginnt als Bach, wird zum größeren Bach, zum Fluss und schließlich zum Strom. Die Kraft, die all diese Bewegung ermöglicht, ist die Schwerkraft.
Mit Menschen verhält es sich ähnlich. Wer in kleinen Orten oder strukturschwachen Regionen nicht das Leben findet, das er sucht, folgt der Anziehungskraft wirtschaftlicher und sozialer Möglichkeiten und zieht in Großstädte oder in wohlhabendere Länder. Doch diese Reise bringt – wie das Zusammentreffen von Süß- und Salzwasser – unweigerlich Spannungen mit sich.
Viele Migrantinnen und Migranten, die am Rand der Stadt leben, fahren oft nur zum Arbeiten ins Zentrum. Ansonsten gehen sie höchstens an den prächtigen Fassaden vorbei, besuchen keine Museen, setzen sich nicht in Cafés und steigen nach wenigen U-Bahn-Stationen wieder aus, um in ihr eigenes Viertel zurückzukehren.
Früher konnten die böhmischen Ziegelarbeiter das Zentrum Wiens kaum betreten. Die von Stadtmauern umschlossene Innere Stadt war die Welt des Adels, der Beamten und der Dienstboten. Zwischen dem Gürtel und der Innenstadt verlief eine unsichtbare, aber mächtige Grenze. Heute existieren die Mauern nicht mehr – die wirtschaftlichen und kulturellen Grenzen jedoch bestehen weiterhin.
Die Straßen Wiens führen zu Alleen, die Alleen zu Boulevards und die Boulevards zu großen Plätzen. Der Mensch gestaltet seinen Lebensraum nach dem Vorbild der Natur.
Doch unsere Straßen führen nicht auf Boulevards. Und selbst wenn sie es täten, lässt die sozioökonomische und soziokulturelle Realität eines von Ghettostrukturen geprägten Lebens kaum zu, jene öffentliche Freiheit zu erreichen, für die diese Boulevards stehen.
Um das zu erkennen, genügt ein Spaziergang auf der Favoritenstraße zwischen dem Reumannplatz und dem Hauptbahnhof.
Was diese Straße von anderen unterscheidet, ist nicht die geringe Zahl der Menschen, die Schaufenster betrachten oder einkaufen. Besonders macht sie die große Zahl jener Menschen, die nirgendwo hingehen – oder nicht hingehen können.
Es ist die Straße derjenigen, die ihre eigene Umgebung nicht verlassen möchten; derjenigen, die sich nur unter Menschen sicher fühlen, die genauso leben wie sie selbst. Die Straße jener Menschen, die sich weder verabreden noch einander suchen und sich doch jeden Tag zur gleichen Zeit an denselben Ecken begegnen.
Es ist die Straße der Menschen, die ohne Berührung mit Politik, Kunst oder kultureller Teilhabe lediglich versuchen zu überleben. Die Straße, in der jene, die einst selbst Migranten waren, auf Neuankömmlinge herabblicken. Die Straße der Händler, die nach dem Motto leben: „Wenn es billig ist, werden sie es ohnehin kaufen.“
Es ist die Straße der Menschen, die den zehnten Wiener Gemeindebezirk kaum verlassen, als würde hinter dem Hauptbahnhof ein unsichtbarer Stacheldraht verlaufen.
Hier werden Dutzende Sprachen gesprochen. Doch eine gemeinsame Sprache entsteht nicht. Menschen derselben sozialen Schicht stehen einander geografisch so nah und bleiben sich dennoch sozial so fern.
In den Liedern der Menschen hier liegt Schmerz. Nicht, weil Schmerz verklärt würde, sondern weil diese Lieder das Echo gelebter Wirklichkeit sind. Sie erzählen von Armut, Heimweh und dem Gefühl, dass im Leben etwas unvollendet geblieben ist.
Und vor allem erzählen sie vom Versuch, Gefühlen einen Namen zu geben, die sich kaum beschreiben lassen.
Hier schmieden Menschen, die von außen klein erscheinen, große Hoffnungen.
Hier verläuft eine Straße in einer Stadt, deren Wohlstand auch vom internationalen Waffenhandel profitiert; einer Stadt, in der manche weniger den Waffen als vielmehr der Vorstellung misstrauen, ihren Lebensstandard mit Migranten teilen zu müssen. Dass eines Tages Kinder, die ihre Eltern durch eben jene Waffen verlieren, diese Ordnung infrage stellen könnten, scheint kaum jemanden zu beschäftigen.
Doch dies ist nicht nur eine Straße im zehnten Wiener Gemeindebezirk.
Sie ist ein Sinnbild für Migration, soziale Klassen, Zugehörigkeit und unsichtbare Grenzen.
Sie ist die Favoritenstraße.| ©DerVirgül