Wer erklärt Österreich auf Türkisch?
| Adem Hüyük
Für Hunderttausende Menschen, die in Österreich leben, ist Türkisch nicht nur eine Sprache der Kommunikation. Es ist auch ein wichtiges Instrument, um Nachrichten zu erhalten, das Land, in dem sie leben, zu verstehen, aktuelle Entwicklungen zu verfolgen und den eigenen Platz in dieser Gesellschaft zu finden.
Doch wer erklärt Österreich auf Türkisch?
Diese Frage zu stellen bedeutet nicht, die türkischsprachigen Medien in Österreich zu verurteilen oder ihren Wert infrage zu stellen. Im Gegenteil: Man muss zunächst anerkennen, welche wichtige Funktion türkischsprachige Medien erfüllen.
In Österreich gab es im Laufe der Jahre zahlreiche türkischsprachige Zeitungen, Zeitschriften, Radiosender und Fernsehsendungen. Heute hat sich dieser Bereich weitgehend ins Internet und in die sozialen Medien verlagert.
Doch inzwischen geht es nicht mehr in erster Linie darum, wie viele türkischsprachige Medien es gibt. Entscheidend ist vielmehr, wie unabhängig, professionell und nachhaltig sie arbeiten – und wie gut sie die österreichische Nachrichtenlage kennen.
Denn vor den türkischsprachigen Medien steht eine weitaus größere Aufgabe:
Österreich auf Türkisch zu erklären.
Die politische Agenda der Türkei und die Lebensrealität der Menschen in Österreich
In türkischsprachigen Nachrichten nehmen die türkische Politik, Wahlen, die Diyanet, religiöse Debatten und politische Entwicklungen aus Ankara einen wichtigen Platz ein.
Das ist nicht überraschend.
Menschen türkischer Herkunft in Österreich haben weiterhin enge Verbindungen zur Türkei. Was dort passiert, interessiert sie und wird entsprechend verfolgt.
Doch es gibt eine weitere Frage:
Wie stark wird jene Realität zum Thema, mit der diese Menschen jeden Tag in Österreich konfrontiert sind?
Von Bildung und Schule über Sozialleistungen und Arbeitswelt bis hin zu Steuern, Pensionen, Wohnungsfragen, Gesundheitssystem, Gemeinden, Landespolitik, Staatsbürgerschaft und Migrationsrecht gibt es unzählige Themen, die das tägliche Leben unmittelbar beeinflussen.
Wie viel eigenständige Berichterstattung gibt es darüber in türkischer Sprache?
Kann eine türkischsprachige Person das österreichische Bildungssystem, die Sozialversicherung oder das Steuersystem tatsächlich über türkischsprachige Medien verstehen?
Oder beschränkt sich die Berichterstattung häufig darauf, Meldungen aus deutschsprachigen Medien ins Türkische zu übertragen?
Hier stellt sich eine der zentralen Fragen dieser Untersuchung:
Schaffen türkischsprachige Medien in Österreich einen eigenständigen journalistischen Raum, der Österreich aus eigener Perspektive erklärt? Oder bleiben sie eine Art Zwischenebene, die vor allem die von deutschsprachigen Medien vorgegebene Agenda ins Türkische übersetzt?
Nachrichten produzieren oder Nachrichten weitergeben?
Die Digitalisierung hat den Journalismus einfacher zugänglich gemacht.
Eine Nachrichtenseite zu gründen, einen Social-Media-Account zu eröffnen und Inhalte zu veröffentlichen, ist heute wesentlich einfacher als früher.
Journalismus selbst ist dadurch aber nicht einfacher geworden.
Denn Journalismus bedeutet nicht nur, eine Nachricht aus einer anderen Sprache zu übersetzen.
Journalismus bedeutet, Quellen zu erreichen, mit unterschiedlichen Gesprächspartnern zu sprechen, Informationen zu überprüfen, Hintergründe zu recherchieren und gegebenenfalls eigene Geschichten zu produzieren.
Deshalb müssen auch folgende Fragen gestellt werden:
Wie viele Nachrichten entstehen tatsächlich vor Ort?
Bei wie vielen Beiträgen sprechen Journalistinnen und Journalisten mit eigenen Quellen?
Wie viele Meldungen werden aus deutschsprachigen Zeitungen, Nachrichtenagenturen oder anderen Medien übernommen und ins Türkische übersetzt?
Wie viele Beiträge beruhen auf eigener Recherche?
Und noch wichtiger:
Warum fällt es türkischsprachigen Medien so schwer, eine eigene Nachrichtenagenda zu entwickeln?
Darauf gibt es möglicherweise nicht nur eine Antwort.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen können eine wichtige Rolle spielen. Kleine Medienunternehmen müssen mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen arbeiten. Das macht aufwendige eigene Recherchen schwieriger.
Aber es geht möglicherweise nicht nur um Geld.
Auch das Interesse des Publikums, die Algorithmen sozialer Netzwerke und der Druck, möglichst viele Klicks zu erzielen, können die Auswahl der Inhalte beeinflussen.
Schließlich haben eine in wenigen Minuten übersetzte Nachricht und eine Recherche, die mehrere Tage dauert, wirtschaftlich nicht denselben Wert.
Das Österreich, das türkischsprachige Medien zeigen
Eine weitere wichtige Frage lautet:
Aus welchem Blickwinkel zeigen türkischsprachige Medien Österreich?
Wenn man den türkischsprachigen Nachrichtenfluss betrachtet, fällt auf, dass Kriminalität, Polizeieinsätze, Drogen, Auseinandersetzungen, Gerichtsverfahren, Migration und andere klassische Boulevard- bzw. Chronikthemen einen beträchtlichen Raum einnehmen.
Natürlich sind diese Themen relevant.
Das Problem ist nicht, dass darüber berichtet wird.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr:
Über welche Nachrichten lernt eine Gesellschaft das Land kennen, in dem sie lebt?
Wenn eine türkischsprachige Person die österreichische Nachrichtenlage hauptsächlich über türkischsprachige Medien verfolgt, welches Österreich begegnet ihr dann?
Ein Österreich, in dem ständig von Kriminalität, Konflikten, Migration und Polizeieinsätzen die Rede ist?
Oder ein Österreich, das gleichzeitig seine Universitäten, Krankenhäuser, Unternehmen, Schulen, Kultureinrichtungen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstler, Gemeinden und den ganz normalen Alltag von Millionen Menschen sichtbar macht?
Denn Medien berichten nicht nur darüber, was passiert.
Sie bestimmen auch mit, was als wichtig wahrgenommen wird.
Wenn eine Gesellschaft ständig mit bestimmten Arten von Nachrichten konfrontiert wird, beginnt sie auch das Land, in dem sie lebt, durch den Rahmen dieser Nachrichten zu betrachten.
Deshalb ist der hohe Anteil an Chronik- und Kriminalberichten nicht nur eine Frage redaktioneller Entscheidungen. Es geht auch darum, welches Bild der österreichischen Gesellschaft dadurch entsteht.
Wo bleibt das andere Österreich?
Bildung.
Wirtschaft.
Arbeitswelt.
Wissenschaft.
Gesundheit.
Kultur.
Kommunalpolitik.
Steuern.
Pensionen.
Wohnen.
Die Zukunft der Kinder.
Österreichische Politik.
Und die Auswirkungen all dieser Bereiche auf das Leben von Menschen mit Migrationsgeschichte.
Eine stärkere eigenständige Berichterstattung über diese Themen würde nicht nur die Qualität türkischsprachiger Medien verbessern.
Sie könnte auch die Beziehung der türkischsprachigen Bevölkerung zu Österreich stärken.
Denn Integration bedeutet nicht nur, Deutsch zu lernen.
Auch die Möglichkeit, zu verstehen, wie das Land funktioniert, in dem man lebt, warum bestimmte Regeln beschlossen werden und welche Rechte und Pflichten man hat, ist wichtig.
Hier können türkischsprachige Medien eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.
Doch um eine Brücke zu sein, reicht es nicht, Nachrichten lediglich von einer Seite auf die andere zu transportieren.
Sie muss auch einen eigenen Weg finden.
Zwischen türkischsprachigen und österreichischen Medien
Interessant ist dabei, dass auch große österreichische Medienunternehmen zunehmend erkennen, wie wichtig es ist, Menschen mit Migrationsgeschichte direkt zu erreichen.
Das zeigt zugleich die Chance, die vor den türkischsprachigen Medien liegt.
Denn türkischsprachige Medien müssen nicht einfach eine ins Türkische übersetzte Version der österreichischen Mainstream-Medien sein.
Im Gegenteil: Sie können Themen aufgreifen, die von österreichischen Medien nicht oder nicht ausreichend aus der Perspektive der eigenen Community beleuchtet werden.
Was erleben türkischsprachige Eltern an österreichischen Schulen?
Mit welchen Problemen sind Arbeitnehmer mit Migrationsgeschichte im österreichischen Sozialsystem konfrontiert?
Welche bürokratischen Hürden erleben Unternehmer mit türkischem Hintergrund?
Wie definieren sich junge Menschen in Österreich?
Welche Probleme beschäftigen die zweite und dritte Generation?
Welchen politischen Einfluss hat die türkischsprachige Bevölkerung in Österreich?
Das sind keine Nachrichten, die türkischsprachige Medien lediglich übersetzen müssen.
Das sind Geschichten, die türkischsprachige Medien selbst recherchieren können.
Die wirtschaftliche Frage
All das hat noch eine weitere Dimension: Geld.
Unabhängiger Journalismus braucht finanzielle Ressourcen.
Journalistinnen und Journalisten, Redakteure, Fotografen, Kameraleute, technische Infrastruktur, Webseiten, Recherche und Vor-Ort-Berichterstattung kosten Geld.
Ein erheblicher Teil der kleineren Diaspora-Medien versucht jedoch, mit begrenzten Werbeeinnahmen zu überleben.
Das kann Medien wirtschaftlich anfällig machen.
Je größer der finanzielle Einfluss von Werbekunden, politischen Kreisen, Institutionen oder bestimmten gesellschaftlichen Gruppen wird, desto stärker stellt sich auch die Frage nach der journalistischen Unabhängigkeit.
Es geht dabei nicht darum, irgendeine Institution oder ein bestimmtes Medium zu beschuldigen.
Im Gegenteil:
Wenn wir über die Zukunft türkischsprachiger Medien sprechen, müssen wir auch über ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit sprechen.
Denn unabhängiger Journalismus ist nicht nur eine redaktionelle Entscheidung.
Er ist auch eine wirtschaftliche Frage.
Social Media ist kein Journalismus
Heute kann jeder Nachrichten verbreiten.
Ein Video von einem Ereignis aufzunehmen, ein paar Sätze dazuzuschreiben und sie in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, dauert nur wenige Sekunden.
Das ist eine demokratisierende Entwicklung.
Doch zwischen dem Teilen einer Nachricht und journalistischer Arbeit besteht weiterhin ein wichtiger Unterschied.
Soziale Medien haben den Zugang zur Öffentlichkeit erleichtert. Den Bedarf an Überprüfung haben sie jedoch nicht beseitigt.
Im Gegenteil: Je schneller Informationen verbreitet werden, desto wichtiger wird ihre Überprüfung.
Eine Nachricht mit vielen Klicks ist nicht automatisch guter Journalismus.
Ein Video, das tausendfach geteilt wird, bedeutet nicht automatisch, dass ein Ereignis korrekt dargestellt wurde.
Damit steht türkischsprachiger Journalismus auch vor einer grundlegenden Frage:
Geschwindigkeit oder Genauigkeit?
Klicks oder Vertrauen?
Mit der Nachrichtenagenda Schritt halten oder selbst recherchieren?
Auch die eigenen Medien müssen Teil der Untersuchung sein
Diese Untersuchung hat einen wichtigen Unterschied.
Auch Der Virgül wird nicht außerhalb der Untersuchung stehen.
Denn diese Arbeit entsteht nicht, um andere zu kritisieren.
Sie soll vielmehr helfen, den türkischsprachigen Medienraum, in dem auch wir selbst arbeiten, besser zu verstehen.
Deshalb gelten für alle dieselben Kriterien.
Für Der Virgül.
Für andere Nachrichtenseiten.
Und auch für Social-Media-Seiten, die Nachrichten produzieren.
Wir wollen unter anderem untersuchen:
Aus welchen Quellen beziehen sie ihre Informationen?
Welche Nachrichtentypen stellen sie in den Vordergrund?
Wie viel eigene Berichterstattung produzieren sie?
Wie häufig arbeiten sie vor Ort?
Welche deutschsprachigen Medien werden besonders häufig als Quelle verwendet?
Welche Themen werden nicht oder nur selten aufgegriffen?
Verändern sich Ton, Sprache oder Bedeutung einer Nachricht bei der Übersetzung ins Türkische?
Und letztlich:
Welches Österreich wird dem türkischsprachigen Publikum dadurch präsentiert?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage
Die Frage nach dem Vertrauen in türkischsprachige Medien lässt sich nicht allein mit der Frage beantworten: „Warum vertraut das Publikum ihnen nicht?“
Vielleicht müssen wir zuerst fragen:
Was tun türkischsprachige Medien, um Vertrauen zu verdienen?
Produzieren sie eigene Nachrichten?
Korrigieren sie ihre Fehler?
Legen sie ihre Quellen offen?
Lassen sie unterschiedliche Perspektiven zu?
Sind sie bereit, auch diejenigen zu kritisieren, die Macht besitzen?
Legen sie ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen gegenüber ihrem Publikum offen?
Und vor allem:
Betrachten sie türkischsprachige Menschen lediglich als „Migranten aus der Türkei“?
Oder sehen sie sie als Menschen, die in Österreich leben, arbeiten, Steuern zahlen, Kinder großziehen und ein legitimes Interesse daran haben, über die Zukunft dieses Landes mitzuentscheiden?
Denn es geht längst nicht mehr nur darum, Nachrichten aus der Türkei nach Österreich zu transportieren.
Es geht darum, der türkischsprachigen Bevölkerung in Österreich dabei zu helfen, ihr eigenes Land zu verstehen.
Und das ist nur mit unabhängigem, professionellem, eigenständigem und kritischem türkischsprachigem Journalismus möglich.
Dieser Text ist der erste Teil dieser Untersuchung.
Im zweiten Teil werden wir versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben.
Wir werden türkischsprachige Nachrichtenseiten in Österreich sowie Social-Media-Seiten untersuchen, die Nachrichten produzieren und verbreiten.
Wir werden vergleichen, aus welchen Quellen sie ihre Informationen beziehen, welche Nachrichtentypen sie hervorheben, wie viel eigene Berichterstattung sie produzieren und welche deutschsprachigen Medien in der türkischsprachigen Nachrichtenlandschaft besonders häufig als Quelle verwendet werden.
Denn vielleicht wird sich am Ende der Untersuchung eine besonders wichtige Frage stellen:
Wenn wir Österreich auf Türkisch erklären – welches Österreich erschaffen wir dabei eigentlich?
Und vielleicht noch wichtiger:
Sieht die türkischsprachige Bevölkerung Österreich mit eigenen Augen – oder blickt sie durch ein Fenster, das andere für sie ausgewählt haben? | ©DerVirgül