Haben wir die Türkei mitgenommen, als wir ausgewandert sind?
62 Jahre nach dem österreichisch-türkischen Anwerbeabkommen sollten wir nicht nur darüber sprechen, was die türkischstämmige Bevölkerung in Europa aufgebaut und erreicht hat. Wir sollten auch darüber sprechen, was sie aus der Türkei mitgebracht hat – politisch, gesellschaftlich und kulturell.
62 Jahre Migration – eine Erfolgsgeschichte?
1964 wurde zwischen Österreich und der Türkei das Anwerbeabkommen unterzeichnet. 2026 jährt sich dieses Abkommen zum 62. Mal.
Wenn wir nach 62 Jahren zurückblicken, wird uns meist eine Erfolgsgeschichte präsentiert.
Doch was ist daran eine Erfolgsgeschichte, wenn Menschen ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not verlassen mussten?
Natürlich sind die Leistungen der Menschen, die nach Europa kamen, ihre aufgebauten Existenzen, Unternehmen, Familien und die von ihnen großgezogenen Generationen eine Erfolgsgeschichte. Aber der Erfolg der Menschen, die ausgewandert sind, und die Bedingungen, die sie zur Auswanderung gezwungen haben, sind zwei verschiedene Dinge.
Und eine Frage wird kaum gestellt:
Warum leben die Kinder und Enkel jener Menschen, die in den 1960er-Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kamen, auch 2026 noch überwiegend hier?
Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse damals der Hauptgrund für die Migration waren und heute gleichzeitig von einer wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei gesprochen wird, warum kehren dann so viele dieser Menschen nicht zurück?
Vielleicht ist es an der Zeit, die 62-jährige Migrationsgeschichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Denn es geht nicht nur darum, was die Menschen, die nach Europa kamen, hier erreicht haben. Es geht auch darum, warum die Türkei ihren eigenen Menschen 62 Jahre später noch immer nicht genügend wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe für eine Rückkehr bietet.
Migration ist so selbstverständlich geworden …
Die Migration ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass nicht mehr nur Menschen migrieren.
Mit uns sind auch Institutionen, Gewohnheiten, politische Auseinandersetzungen, religiöse Gemeinschaften und Tarikats aus der Türkei nach Europa gekommen.
Die erste Generation kam mit einem Koffer, einigen persönlichen Gegenständen und der Sehnsucht nach der Heimat nach Europa.
Heute ist die Situation eine andere.
Türkische politische Parteien haben Organisationen und Strukturen in Europa. Religiöse Gemeinschaften und Tarikats sind hier aktiv. Politische Auseinandersetzungen aus der Türkei werden in die türkischstämmige Community Europas getragen. Selbst die politischen Polarisierungen der Türkei wirken bis in die persönlichen Beziehungen von Menschen hinein, die Tausende Kilometer entfernt leben.
Anders gesagt:
Nicht nur die Arbeitskräfte sind aus der Türkei ausgewandert – auch Teile des gesellschaftlichen und politischen Lebens der Türkei sind mit ihnen ausgewandert.
Allein diese Entwicklung zeigt, wie tiefgreifend die Migration in den vergangenen 62 Jahren die Gesellschaft verändert hat.
Dabei gibt es einen Widerspruch.
Während die Migration der Menschen nach Europa als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte dargestellt wird, wird es gleichzeitig beinahe als selbstverständlich betrachtet, dass auch die politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Türkei mit nach Europa gebracht werden.
Doch die Menschen, die vor 62 Jahren als Arbeitskräfte nach Österreich kamen, sind längst keine vorübergehenden „Gastarbeiter“ mehr.
Ihre Kinder und Enkel sind hier geboren. Sie sind hier zur Schule gegangen, haben hier studiert, gearbeitet, Steuern bezahlt und sind Teil dieser Gesellschaft geworden.
Deshalb müssen wir heute eine andere Frage stellen:
Werden Menschen türkischer Herkunft in Österreich noch immer als Verlängerung der Türkei in Europa gesehen – oder als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger ihres Landes?
Und noch wichtiger:
Soll Ankara oder Wien der politische Bezugspunkt der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich sein?
Sind wir der Hinterhof der Türkei?
Türkeizentrierte politische, zivilgesellschaftliche, religiöse und andere Organisationen vermitteln den in Österreich und anderen EU-Ländern lebenden Menschen türkischer Herkunft seit Jahren eine Botschaft:
„Nehmt die Staatsbürgerschaft des Landes an, in dem ihr lebt, beteiligt euch am politischen und gesellschaftlichen Leben und engagiert euch in politischen Parteien. Achtet dabei aber darauf, euch nicht zu assimilieren und nicht Teil einer türkeifeindlichen Politik zu werden.“
Auf den ersten Blick scheint an diesem Ansatz nichts Widersprüchliches zu sein. Dass Menschen die Staatsbürgerschaft ihres Wohnlandes annehmen, sich politisch engagieren und am demokratischen Leben teilnehmen, ist selbstverständlich positiv.
Das Problem beginnt dort, wo aus dem Gedanken „Beteiligt euch, aber bewahrt eure politischen Bezüge zur Türkei“ eine dauerhafte politische Abhängigkeit entsteht.
Denn hier geht es längst nicht mehr um vorübergehend beschäftigte Arbeitskräfte.
Hier leben Menschen, die in Österreich geboren wurden, hier ausgebildet wurden, hier arbeiten und ihre Zukunft hier aufbauen.
Deshalb müssen wir fragen:
Soll die politische und gesellschaftliche Zukunft der türkischstämmigen Bevölkerung in Österreich weiterhin durch die politische Agenda Ankaras bestimmt werden?
Oder sollte sie nach 62 Jahren endlich selbstbewusst Teil der politischen und gesellschaftlichen Realität Wiens, Berlins, Amsterdams oder Brüssels sein?
Migration wird nicht allein dadurch dauerhaft, dass der Koffer ausgepackt wird.
Der Mensch muss auch mental in seinem neuen Land ankommen.
Österreich ist sich seines „Hinterhofs“ bewusst
Jahrelang wurden Menschen türkischer Herkunft in Österreich als eine der Gruppen dargestellt, die die größten Schwierigkeiten bei der Integration hätten.
Gleichzeitig hat Österreich immer wieder den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beitrag der türkischen Arbeitskräfte anerkannt.
2024, zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens, berichtete der Der Standard von rund 120.000 türkischen Staatsbürgern und rund 166.000 österreichischen Staatsbürgern mit türkischem Migrationshintergrund.
Noch bemerkenswerter waren die Aussagen des damaligen Bundeskanzlers Karl Nehammer im Jahr 2023.
Nehammer bezeichnete im Zusammenhang mit einer Debatte über Sozialleistungen die Tatsache, dass die in den 1960er- und 1970er-Jahren angeworbenen „Gastarbeiter“ später im Land geblieben seien und daraus Integrationsprobleme entstanden seien, als einen „Fehler“.
Diese Aussage sollte nicht einfach als eine vergangene politische Äußerung abgetan werden.
Denn die Menschen, die damals als Arbeitskräfte nach Österreich kamen, sind längst keine vorübergehenden Gäste mehr.
Ihre Kinder und Enkel sind Teil Österreichs.
Deshalb stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Werden die Kinder und Enkel jener Menschen, die in den 1960er-Jahren nach Österreich geholt wurden, auch heute noch als „Zugewanderte“ betrachtet?
Und noch wichtiger:
Wie konnte es dazu kommen, dass eine Community von mehreren hunderttausend Menschen trotz ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung politisch so wenig Einfluss entwickelt hat?
Die Antwort allein in der österreichischen Politik zu suchen, wäre zu einfach.
Denn auch jene politischen Parteien, Vereine, religiösen Organisationen, Lobbygruppen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, die seit Jahrzehnten behaupten, für diese Community zu sprechen, müssen sich eine Frage stellen:
Warum ist es der türkischstämmigen Bevölkerung trotz ihrer Größe und wirtschaftlichen Bedeutung nicht gelungen, sich als starke demokratische Kraft in Österreich zu etablieren?
Ich habe 2023 über Nehammers Äußerung unter dem Titel „Laut Bundeskanzler sind wir ein Fehler!“ geschrieben. Abgesehen von einigen Journalisten, die den türkischen Text auf ihren deutschsprachigen Seiten teilten, blieb eine starke und organisierte Reaktion aus der türkischstämmigen Community weitgehend aus.
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem.
Wenn ein Bundeskanzler die Tatsache, dass hunderttausende Menschen in Österreich geblieben sind, als einen historischen „Fehler“ bezeichnen kann und darauf keine starke demokratische Gegenreaktion entsteht, kann die Verantwortung dafür dann allein bei diesem Bundeskanzler liegen?
Nach 62 Jahren müssen wir anders denken
Noch immer erzählen wir die Migration aus der Türkei nach Europa vor allem anhand von Koffern, Bahnhöfen, Heimweh und den Geschichten der ersten Generation.
Das alles gehört zu unserer Geschichte.
Aber es reicht nicht mehr, nur die Vergangenheit zu erzählen.
Wo stehen die Kinder und Enkel jener Menschen, die vor 62 Jahren gekommen sind?
Sehen sie sich noch immer als Verlängerung der Türkei in Europa?
Oder bauen sie ihre eigene politische und gesellschaftliche Zukunft als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger der Länder auf, in denen sie leben?
Die Beziehungen zur Türkei müssen deshalb nicht verschwinden.
Sprache, Kultur, familiäre Bindungen und Geschichte müssen nicht aufgegeben werden.
Aber wir müssen auch den Unterschied zwischen Verbundenheit und Abhängigkeit diskutieren.
Die Stärke der türkischstämmigen Bevölkerung in Europa entsteht nicht dadurch, dass politische Auseinandersetzungen aus der Türkei nach Europa getragen werden.
Sie entsteht dadurch, dass diese Menschen in den politischen und gesellschaftlichen Systemen ihrer eigenen Länder Gewicht bekommen.
Denn nach 62 Jahren müssen wir eine Tatsache akzeptieren:
Wir sind nicht nur nach Europa ausgewandert. Wir haben auch die Türkei mitgenommen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb:
Wie schaffen wir es, zwischen der Türkei, die wir mitgebracht haben, und dem Europa, in dem wir heute leben, ein gesundes Verhältnis aufzubauen?
Vielleicht ist genau das die wichtigste Frage der 62-jährigen Migrationsgeschichte.| ©DerVirgül