Warum lernen Syrer schneller Deutsch? Eine Betrachtung von Migration, Motivation und Integration

Warum lernen Syrer schneller Deutsch? Eine Betrachtung von Migration, Motivation und Integration

| Adem Hüyük

In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien in Deutschland und Österreich gezeigt, dass neu angekommene syrische Flüchtlinge beim Deutschlernen und bei der Teilnahme an Sprachkursen häufig schneller Fortschritte erzielen als bestimmte Gruppen von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Diese Beobachtung sorgt immer wieder für Diskussionen. Experten betonen jedoch, dass die Ursachen weniger in kulturellen oder ethnischen Unterschieden liegen, sondern vielmehr in den jeweiligen Migrationsbedingungen, Bildungsbiografien und Integrationsprozessen.

Unterschiedliche Migrationsgeschichten, unterschiedliche Motivation

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland und Österreich stammen überwiegend aus Familien, die in den 1960er- und 1970er-Jahren als Gastarbeiter ins Land kamen. Die meisten gehören heute bereits der zweiten oder dritten Generation an.

Die Mehrheit der Syrer hingegen kam nach 2015 infolge des Bürgerkriegs und der Fluchtbewegungen nach Europa. Diese unterschiedlichen Ausgangssituationen beeinflussen auch die Motivation zum Spracherwerb.

Für viele syrische Flüchtlinge ist Deutsch nicht nur eine zusätzliche Qualifikation, sondern die zentrale Voraussetzung für den Aufbau eines neuen Lebens. Arbeit, Ausbildung, Aufenthaltsrecht und gesellschaftliche Teilhabe hängen oft unmittelbar von den Sprachkenntnissen ab. Dadurch entsteht ein besonders hoher Anreiz, die Sprache möglichst schnell zu erlernen.

Die Rolle der Diaspora

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Struktur der jeweiligen Migrantengemeinschaften.

In Deutschland und teilweise auch in Österreich existiert seit Jahrzehnten eine gut etablierte türkischsprachige Infrastruktur. In vielen Städten können große Teile des Alltags auf Türkisch bewältigt werden – von Einkaufsmöglichkeiten über Restaurants bis hin zu Vereinen und sozialen Netzwerken.

Diese starke Gemeinschaft erleichtert zwar das Leben und stärkt den sozialen Zusammenhalt, kann jedoch gleichzeitig den Druck verringern, Deutsch zu lernen.

Bei syrischen Flüchtlingen war die Situation zunächst anders. Als sie nach Europa kamen, verfügten sie nicht über vergleichbar etablierte Netzwerke. Der direkte Kontakt mit Behörden, Arbeitgebern, Bildungseinrichtungen und der Mehrheitsgesellschaft machte Deutschkenntnisse von Anfang an deutlich wichtiger.

Bildung als entscheidender Faktor

Studien weisen außerdem darauf hin, dass unter den syrischen Zuwanderern ein beträchtlicher Anteil von Akademikern, Studierenden und Fachkräften zu finden ist. Ein höheres Bildungsniveau erleichtert in vielen Fällen auch den Erwerb einer neuen Sprache.

Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass sowohl die syrische als auch die türkischstämmige Bevölkerung sehr heterogen ist. Bildungsstand, soziale Herkunft und berufliche Erfahrungen unterscheiden sich innerhalb beider Gruppen erheblich.

Ahmet Özbek: „Das Problem beginnt oft schon vor dem Deutschen“

Der langjährige Sprachtrainer Ahmet Özbek, der seit vielen Jahren Deutschkurse in Wien unterrichtet, beobachtet insbesondere bei jungen Menschen, die durch Heirat aus der Türkei nach Österreich kommen, erhebliche Schwierigkeiten beim Spracherwerb.

Gegenüber Virgül erklärt Özbek:

„In der heutigen Türkei verwenden viele Menschen im Alltag durchschnittlich nur 300 bis 400 Wörter. In Österreich liegt dieser Wert etwa viermal höher. Wer die eigene Muttersprache nicht ausreichend beherrscht, stößt beim Deutschlernen schnell an Grenzen. Viele versuchen die Sprache auswendig zu lernen, statt sie zu verstehen. Menschen mit guten Türkischkenntnissen haben dagegen deutlich weniger Probleme und erweitern mit dem Deutschlernen gleichzeitig ihren gesamten Wortschatz.“

Warum fällt Deutsch Muttersprachlern des Türkischen oft schwer?

Sprachwissenschaftler führen dies vor allem auf die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Sprachen zurück.

Türkisch gehört zu den agglutinierenden Sprachen. Neue Bedeutungen und grammatikalische Funktionen entstehen durch das Anhängen von Endungen. Deutsch hingegen ist eine flektierende Sprache, in der Artikel, Fälle und Verbformen eine zentrale Rolle spielen.

Wer Türkisch als Muttersprache spricht, muss deshalb nicht nur neue Wörter lernen, sondern sich auch eine völlig andere Sprachlogik aneignen.

Warum haben Arabischsprachige teilweise Vorteile?

Einige Experten sehen bestimmte sprachliche Vorteile bei arabischen Muttersprachlern.

Das Arabische verfügt über komplexe Verbbeugungen, umfangreiche grammatikalische Strukturen und ein Wurzelsystem zur Wortbildung. Dadurch sind viele Arabischsprachige bereits daran gewöhnt, sprachliche Muster, Wortstämme und grammatikalische Veränderungen systematisch zu analysieren.

Dies bedeutet nicht, dass Arabischsprachige automatisch schneller Deutsch lernen. Bestimmte sprachliche Strukturen können jedoch den Zugang zu einigen Aspekten der deutschen Grammatik erleichtern.

Warum ist der Bedarf an Deutschkenntnissen in Wien geringer?

Studien der Universität Wien zeigen, dass Menschen mit türkischem Migrationshintergrund – insbesondere in Wien und anderen Großstädten – häufig weniger Druck verspüren, Deutsch zu lernen als andere Migrantengruppen.

Ein Grund dafür ist die große Zahl türkischsprachiger Dienstleistungen und sozialer Netzwerke. Viele alltägliche Angelegenheiten können auf Türkisch erledigt werden – von Einkaufsmöglichkeiten bis hin zu Beratungs- und Gesundheitsangeboten.

Einerseits zeigt dies die erfolgreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Verankerung der türkischstämmigen Bevölkerung. Andererseits reduziert es den unmittelbaren Bedarf, Deutsch aktiv im Alltag einzusetzen.

Frauen und Arbeitsmarktintegration

Trotz steigender Bildungsabschlüsse in der zweiten Generation weisen Studien weiterhin auf vergleichsweise niedrige Beschäftigungsquoten bei Frauen mit türkischem Migrationshintergrund hin.

Barbara Stewart vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) betont, dass mehr als die Hälfte dieser Frauen lediglich über einen Pflichtschulabschluss verfügt.

Mit einer Beschäftigungsquote von rund 56 Prozent gehören Frauen türkischer Herkunft zu den Gruppen mit den niedrigsten Erwerbsquoten in Österreich. Noch niedrigere Werte finden sich lediglich bei Frauen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Experten führen dies unter anderem auf die starke soziale Infrastruktur innerhalb der eigenen Gemeinschaft zurück.

„Viele verfügen über funktionierende Netzwerke innerhalb ihrer Community. Dadurch entsteht oft weniger Notwendigkeit, Deutsch zu sprechen oder außerhalb dieser Strukturen aktiv zu werden.“

Langfristig kann dies jedoch die Integration in den Arbeitsmarkt erschweren. Gleichzeitig berichten Integrationsstellen von einer steigenden Zahl älterer türkischstämmiger Frauen, die heute Sprach- und Integrationsangebote nachholen möchten.

Fazit

Die Beobachtung, dass syrische Flüchtlinge in manchen Bereichen schneller Deutsch lernen als bestimmte Gruppen von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, lässt sich vor allem durch unterschiedliche Migrationsbiografien, Integrationsbedingungen, Bildungsniveaus und soziale Strukturen erklären.

Es handelt sich weder um eine Frage kultureller Überlegenheit noch um ein Zeichen mangelnder Integrationsbereitschaft. Vielmehr zeigen die Erfahrungen aus Deutschland und Österreich, dass der Erfolg beim Spracherwerb vor allem von den sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen abhängt, in denen Menschen leben.

Starke Gemeinschaften können den Alltag erleichtern und Sicherheit bieten. Gleichzeitig kann gerade diese Sicherheit den Druck verringern, die Sprache der Aufnahmegesellschaft schnell zu erlernen. Neu angekommene Migranten ohne solche Netzwerke sind dagegen häufig gezwungen, sich rascher sprachlich anzupassen, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.| ©DerVirgül

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