Ich und Wir in Österreich

Adem Hüyük, Avusturya'nın Viyana kentinde yaşayan Türk gazetecidir. Gazetecilik kariyerinde, Avusturya'daki Türk toplumu, göçmen politikaları ve Avrupa'daki Türk diasporası üzerine analizler kaleme almıştır. ****Deutsch: Adem Hüyük ist ein türkischer Journalist, der in Wien, Österreich lebt. In seiner journalistischen Laufbahn hat er Analysen über die türkische Gemeinschaft in Österreich, Migrationspolitik und die türkische Diaspora in Europa verfasst.

Individueller Erfolg oder gesellschaftlicher Erfolg?

Bevor wir uns in Österreich fragen, wie viele Menschen türkischer Herkunft wir sind und welche wirtschaftlichen Erfolge wir erzielt haben, sollten wir uns eine grundlegendere Frage stellen:

Was für eine Gemeinschaft sind wir eigentlich?

Betrachtet man die demografische Struktur der in Österreich dauerhaft lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, wird davon ausgegangen, dass hier rund 124.800 türkische Staatsbürger sowie mehr als 200.000 Menschen türkischer Herkunft leben, die inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen – wobei deren genaue Zahl nicht bekannt ist.

In diesem Zusammenhang wird geschätzt, dass in Österreich insgesamt etwa 300.000 bis 350.000 Menschen türkischer Herkunft leben.

Menschen türkischer Herkunft leben heute in allen Bundesländern. Besonders stark vertreten sind sie in Wien, Vorarlberg, Oberösterreich, Niederösterreich, der Steiermark und Salzburg.

Wenn wir unsere Geschichte in Österreich betrachten, lässt sich zunächst eine bemerkenswerte Entwicklung feststellen: Aus der einstigen Arbeitsmigration ist eine dauerhaft ansässige Bevölkerungsgruppe geworden. Aus den sogenannten „Gastarbeitern“ wurden Unternehmer, Fachkräfte, Akademiker, Angestellte, Selbstständige und österreichische Staatsbürger.

Auch wirtschaftlich hat sich vieles verändert.

Viele Familien, die einst mit sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten nach Österreich kamen, haben sich über Jahrzehnte wirtschaftlich etabliert. Es entstanden Unternehmen, Geschäfte, Handwerksbetriebe, Gastronomiebetriebe, Dienstleistungsunternehmen und zunehmend auch Unternehmen, die über die österreichischen Grenzen hinaus tätig sind.

Diese Entwicklung darf nicht unterschätzt werden.

Doch genau hier beginnt die eigentlich interessante Frage: Reicht wirtschaftlicher Erfolg aus, um von gesellschaftlichem Erfolg zu sprechen?

Ein Mensch kann ein erfolgreiches Unternehmen besitzen, ein Haus bauen, mehrere Wohnungen besitzen oder finanziell unabhängig sein. Das ist zweifellos ein individueller Erfolg.

Aber wann wird aus vielen individuellen Erfolgen ein gemeinschaftlicher Erfolg?

Genau an diesem Punkt scheint unsere Diskussion häufig ins Stocken zu geraten.

Wir sprechen gerne darüber, wie viele türkische Unternehmer es gibt, wie viele Millionen Euro umgesetzt werden oder wie viele Unternehmen gegründet wurden. Wir sprechen über Restaurants, Supermärkte, Bauunternehmen, Werkstätten und andere wirtschaftliche Aktivitäten.

All das ist wichtig.

Aber eine Gemeinschaft besteht nicht nur aus ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Eine Gesellschaft braucht neben wirtschaftlichem Wachstum auch kulturelle, bildungsbezogene und intellektuelle Entwicklung.

Vielleicht liegt genau hier eines unserer größten Probleme.

Wir sind wirtschaftlich gewachsen – aber ist unser kulturelles und gesellschaftliches Selbstverständnis im gleichen Tempo gewachsen?

Diese Frage ist unbequem, aber notwendig.

Denn wirtschaftlicher Aufstieg und kulturelle Entwicklung verlaufen nicht automatisch parallel. Ein Mensch kann seinen materiellen Lebensstandard innerhalb einer Generation erheblich verbessern, ohne dass sich gleichzeitig sein Verhältnis zu Bildung, Kultur, Kunst, Wissenschaft oder gesellschaftlicher Verantwortung im gleichen Maß verändert.

Das ist kein ausschließlich türkisches Problem. Es ist eine allgemeine gesellschaftliche Frage.

Doch bei uns ist dieser Widerspruch besonders sichtbar.

Unsere erste Generation kämpfte um Arbeit, Wohnung und wirtschaftliche Sicherheit. Das war unter den damaligen Bedingungen verständlich und notwendig. Für die zweite und dritte Generation haben sich die Voraussetzungen jedoch verändert.

Heute reicht es nicht mehr aus, lediglich wirtschaftlich stärker zu werden.

Die eigentliche Frage lautet: Was machen wir mit dem Wohlstand, den wir aufgebaut haben?

Investieren wir nur in Immobilien und Unternehmen?

Oder investieren wir auch in Bildung, Bücher, Kunst, Wissenschaft, Medien, Vereine und in die intellektuelle Entwicklung unserer Kinder?

Denn Wohlstand kann vererbt werden.

Bildung ebenfalls.

Aber kulturelles Bewusstsein entsteht nicht automatisch durch Geld.

Ein Haus kann man kaufen. Einen akademischen Titel kann man erwerben. Ein Unternehmen kann man gründen.

Doch eine kulturell und gesellschaftlich selbstbewusste Gemeinschaft entsteht nicht von selbst.

Dafür braucht es Zeit, Bildung, kritisches Denken und vor allem die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.

Auch bei der Bildung gibt es noch deutliche Defizite.

Vergleicht man die Bildungsstruktur der türkischstämmigen Bevölkerung mit anderen Bevölkerungsgruppen, zeigen sich weiterhin Schwächen, auch wenn sich in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen beobachten lassen. Gleichzeitig steigt die Zahl junger Menschen mit höherer Bildung und beruflicher Qualifikation.

Diese Entwicklung sollte uns Hoffnung geben.

Aber sie sollte uns nicht dazu verleiten, die bestehenden Probleme zu übersehen.

Besonders auffällig ist die Situation türkischstämmiger Frauen. Bei Deutschkenntnissen und Erwerbsbeteiligung bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen. Es ist gesellschaftlich problematisch, wenn Frauen, die seit vielen Jahren oder sogar seit Generationen in Österreich leben, sprachlich und wirtschaftlich weniger Möglichkeiten haben als andere Bevölkerungsgruppen.

Denn eine Gemeinschaft kann sich nur dann wirklich weiterentwickeln, wenn ihre Frauen und Männer gleichermaßen Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe haben.

Deshalb sollten wir unsere Erfolge nicht nur daran messen, wie viele Unternehmen wir besitzen.

Vielleicht sollten wir uns andere Fragen stellen:

Wie viele Akademiker bringen wir hervor?

Wie viele Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Kulturschaffende gibt es unter uns?

Wie viele unserer Kinder können ihre Herkunft verstehen und gleichzeitig selbstbewusst Teil der österreichischen Gesellschaft sein?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Wie viel von unserem wirtschaftlichen Erfolg verwandeln wir in gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt?

Denn eine Gemeinschaft kann wirtschaftlich wachsen und kulturell trotzdem stagnieren.

Sie kann mehr Geld besitzen, ohne mehr Wissen zu besitzen.

Sie kann mehr Unternehmen haben, ohne mehr gesellschaftlichen Einfluss zu entwickeln.

Sie kann zahlenmäßig größer werden, ohne als Gemeinschaft stärker zu werden.

Genau deshalb sollten wir die Frage „Wie viele sind wir?“ nicht an die erste Stelle setzen.

Die wichtigere Frage lautet:

„Wer sind wir geworden?“

Und danach:

„Was wollen wir werden?“

Vielleicht müssen wir in Österreich langsam von der Vorstellung wegkommen, dass die Anzahl unserer Menschen oder der wirtschaftliche Erfolg einzelner Personen automatisch den Erfolg der gesamten Gemeinschaft bedeutet.

Denn zwischen „Ich habe es geschafft“ und „Wir haben es geschafft“ liegt ein großer Unterschied.

Ein Unternehmer, der ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hat, hat etwas erreicht.

Aber wenn sein Erfolg gleichzeitig dazu beiträgt, dass junge Menschen bessere Bildungschancen bekommen, dass kulturelle Einrichtungen entstehen, dass Bücher gelesen werden, dass Frauen stärker am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und dass die nächste Generation selbstbewusster und gebildeter aufwächst, dann wird aus individuellem Erfolg langsam gesellschaftlicher Erfolg.

Vielleicht brauchen wir deshalb in Österreich weniger die Frage nach dem „Ich“ und mehr die Frage nach dem „Wir“.

Denn am Ende wird die Geschichte unserer Gemeinschaft nicht nur danach beurteilen, wie viel Geld wir verdient, wie viele Häuser wir gekauft oder wie viele Unternehmen wir gegründet haben.

Sie wird auch danach beurteilt werden, was wir aus all diesem wirtschaftlichen Wachstum gemacht haben.

Vielleicht ist genau das die nächste Stufe unserer Migration:

Nicht mehr nur wirtschaftlich Fuß zu fassen, sondern auch kulturell, intellektuell und gesellschaftlich anzukommen.

Denn angekommen zu sein bedeutet nicht nur, einen Platz zu haben.

Es bedeutet auch, etwas zu diesem Platz beizutragen.| ©DerVirgül

Yayınlama: 01.09.2026
Düzenleme: 01.09.2026
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