Ich weiß, wer ich bin – aber sieht mich mein Gegenüber auch so?
Migration, sozialer Status und die Neukategorisierung im Alltag
Nicht immer stimmt das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat, mit dem überein, wie andere ihn wahrnehmen. Ein Mensch kennt seine Ausbildung, seinen Beruf, seine wirtschaftliche Situation, sein kulturelles Kapital und seinen gesellschaftlichen Status. Aus all dem heraus ordnet er sich selbst vielleicht sogar einer bestimmten sozialen Schicht zu. Doch sobald er ein anderes Land betritt, kann ein großer Teil dieser Eigenschaften für sein Gegenüber unsichtbar werden. Stattdessen treten seine Sprache, sein Akzent, sein Name, sein Aussehen, sein Pass oder die Vorstellungen über sein Herkunftsland in den Vordergrund. So kann ein Mensch in eine andere Kategorie eingeordnet werden, als jene, über die er sich selbst definiert.
Besonders deutlich zeigt sich dieses Phänomen bei Migranten und Menschen mit ausländischer Herkunft. Ein Mensch kann davon ausgehen, dass er den gesellschaftlichen Status, den er in seinem eigenen Land besitzt, über die Grenze hinweg mitnimmt. Doch soziale Stellung, akademische Abschlüsse oder berufliche Positionen erhalten einen Teil ihrer Bedeutung innerhalb bestimmter nationaler und gesellschaftlicher Zusammenhänge. Nationalität und Sprache hingegen überschreiten Grenzen wesentlich leichter. In einer anderen Gesellschaft kann ein Mensch daher nicht zuerst als „Professor“, „Experte“, „Unternehmer“ oder „Angehöriger der gut ausgebildeten Mittelschicht“ wahrgenommen werden, sondern zunächst als „Türke“, „Araber“, „Osteuropäer“ oder ganz allgemein als „Ausländer“.
An diesem Punkt stellt sich eine einfache, aber wichtige Frage:
Trägt ein Mensch in einer neuen Gesellschaft seinen eigenen sozialen Status mit sich – oder muss er in erster Linie die Identität tragen, die ihm von anderen zugeschrieben wird?
Diese Frage lässt sich anhand kleiner Begegnungen im Alltag betrachten. Wie Menschen in Wien in öffentlichen Verkehrsmitteln auf Personen reagieren, die unterschiedliche Sprachen sprechen, mag auf den ersten Blick wie eine unbedeutende Alltagssituation erscheinen. Doch wenn dasselbe Verhalten je nach gesprochener Sprache unterschiedliche Reaktionen hervorruft, deutet dies darauf hin, dass Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel ist. Sie kann gleichzeitig als Hinweis auf die Identität, den sozialen Status und die gesellschaftliche Stellung des Sprechenden dienen.
Bei einer kleinen Beobachtung in Wien unterhielten sich dieselben Personen in verschiedenen Straßenbahnen laut in unterschiedlichen Sprachen. Während auf Türkisch mit eher ablehnenden oder kritischen Blicken reagiert wurde, wirkten die Reaktionen bei Englisch, Französisch und Spanisch freundlicher oder positiver. Natürlich lässt sich aus einer solchen Beobachtung allein kein allgemeingültiges gesellschaftliches Ergebnis ableiten. Gerade deshalb ist sie interessant: Sie wirft eine Frage nach einem Mechanismus der Kategorisierung auf, der im Alltag häufig unbemerkt bleibt.
Dabei geht es nicht darum, ob Türkisch als „schön“ oder „hässlich“ empfunden wird. Viel entscheidender ist die Möglichkeit, dass unterschiedliche Sprachen bei den Zuhörenden unterschiedliche soziale Vorstellungen hervorrufen. Eine Sprache kann dazu führen, dass der Sprecher als Tourist, Besucher, Student, Berufstätiger oder Angehöriger eines internationalen Umfelds wahrgenommen wird, während eine andere Sprache dieselbe Person als Mitglied einer bereits etablierten Migrantengruppe kategorisieren kann. Entscheidend ist daher möglicherweise nicht die Sprache selbst, sondern die soziale Bedeutung, die mit dieser Sprache verbunden wird.
Noch deutlicher wird diese Möglichkeit durch eine persönliche Erfahrung. Wenn ein Professor einer der renommiertesten Universitäten der Türkei in Wien von einem Kellner das Gefühl vermittelt bekommt, als Ausländer ausgegrenzt zu werden, wird die Distanz zwischen seinem eigenen sozialen Status und der ihm zugeschriebenen Position sichtbar. In der Türkei mag sich eine solche Person aufgrund ihrer hohen Ausbildung, ihres akademischen Titels und ihres kulturellen Kapitals als Teil einer gesellschaftlich privilegierten Schicht verstehen. In Wien können all diese Eigenschaften für das Gegenüber jedoch unsichtbar bleiben. Übrig bleibt möglicherweise nur die Kategorie „Türke“ oder „Ausländer“.
Die Überraschung entsteht dabei nicht allein durch die schlechte Behandlung.
Die tiefere Überraschung lautet:
„Ich sehe mich selbst so – aber mein Gegenüber sieht mich nicht so.“
Dieser Widerspruch verweist auf eine wichtige, aber häufig übersehene Dimension der Migration und der Erfahrung des Fremdseins. Migration ist nicht nur eine Frage wirtschaftlicher Bedingungen, des rechtlichen Status oder des Lebens in einem anderen Land. Es geht auch darum, wie die Identitäten und gesellschaftlichen Positionen, die ein Mensch in seiner eigenen Gesellschaft besitzt, von einer anderen Gesellschaft neu gelesen und bewertet werden.
Deshalb sollte Migration nicht nur anhand der Fragen „Wer ist gekommen, woher kommt diese Person und in welcher Situation befindet sie sich?“ betrachtet werden, sondern auch anhand einer anderen Frage:
„Als wer wird diese Person gesehen?“
Vielleicht beginnt genau hier das eigentliche Problem:
Je größer die Distanz zwischen der Identität, die ein Mensch über sich selbst besitzt, und der Identität, die ihm von der Gesellschaft zugeschrieben wird, desto stärker kann das Gefühl des Fremdseins werden.
Und diese Distanz wird manchmal nicht in großen politischen Ereignissen sichtbar, sondern in einem kurzen Blick in einer Straßenbahn oder in einem kleinen Satz, der in einem Restaurant fällt.
Genau an diesem Punkt müssen wir diese Diskussion jedoch an einen anderen Ort führen.
Wenn Sie Googles künstliche Intelligenz fragen, was Sie tun sollten, wenn Sie mit einem Norweger allein sind, wird sie Ihnen vermutlich empfehlen, sich mit ihm zu unterhalten. Stellen Sie dieselbe Frage über einen Somalier, könnte sie Ihnen raten, die Polizei zu rufen.
Was würde sie über einen Türken sagen?
Noch wichtiger als die Antwort auf diese Frage ist jedoch eine andere:
Warum verändert sich die Antwort, wenn sich bei derselben Frage lediglich die Nationalität verändert?
Die Vorstellungen, Vorurteile und Ängste, die Menschen über andere Menschen entwickeln, bleiben längst nicht mehr nur in den Köpfen der Menschen. Sie wandern ins Internet, werden zu Daten und können von künstlicher Intelligenz erneut produziert werden.
Der unsichtbare Mechanismus der Kategorisierung, dem wir seit Jahren auf der Straße, am Arbeitsplatz, im Restaurant oder in der Straßenbahn begegnen, tritt uns nun als digitales System entgegen.
Wer wissen Sie, wer Sie selbst sind? Und als wen sieht Sie die künstliche Intelligenz?
Vielleicht ist genau das die neue Frage, die Migranten in den kommenden Jahren stellen müssen.|© DerVirgül